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Heilpädagogische Forschung : Zeitschrift für Pädagogik und Psychologie bei Behinderungen
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Theodor Hellbrügge+

Integration und gemeinsame Erziehung

ständig weiter ausgebaut wurde. Das klassische Sonderschulsystem wurde un­entwegt weiter differenziert, so daß heute neben Schulen für Lernbehinderte, Sprachgestörte etc. sogar Sonderschulen für Hochbegabte eingerichtet werden. Im Gegensatz zu dieser Tendenz ent­standen überall Elterninitiativen, welche die Möglichkeiten einer integrativen Be­schulung ausgeschöpft wissen wollten. Entsprechende Integrationsschulen wur­den, soweit sich übersehen läßt, bisher nicht eingerichtet, sondern lediglich als Schulversuche genehmigt.

Nach wie vor muß einnormales* Kind (was das auch immer sei) in die Grund­schule bzw. Hauptschule, einbehin­dertes Kind je nach einem erkennba­ren Mangel der durch eine sonderpäd­agogsiche Beurteilung für ein entsprchen­des Gutachten auch zu diagnostizieren ist in seine entsprechende Sonder­schule gehen.

Integrierte* Erziehung

In diesem Dualismus zwischen normaler Schule und Sonderschule müssen auch die Diskussionen um eine integrierte Er­ziehung gesehen werden. Sie betreffen mehr das Sonderschulwesen in dem Sin­ne, daß wie auch immer behinderte Kin­der nicht in spezifischen Sonderschulen isoliert, sondern soweit wie möglich in die normale Schulwelt eingegliedert wer­den. So gesehen ist integrierte Erziehung eher als eine Fortentwicklung unseres ex­trem differenzierten Sonderschulsytems anzusehen, das helfen soll, deren Aus­wüchse abzumindern. Der Grundgedanke dieses pädagogischen Ansatzes betrifft im Kern aber die Eingliederung behin­derter Kinder in die normale Schulwelt, bedeutet letztlich also die Notwendig­keit der Anpassung eines schwachen Kindes an die Welt des starken.

Diese Tendenz zeigen fast auch alle Schulversuche über integrierte Erzie­hung, die im Bundesgebiet durchge­führt werden. Für diebehinderten Kinder werden Sonderkurse, Sonder­schulen, heilpädagogische Hilfen und andereschulische Förderungen an­

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geboten, damit die schwächeren Kinder an die Welt der stärkeren Kinder ange­paßt werden. Das Ganze ist verständlich aus der Sicht eines lehrerzentrierten Un­terrichtes, der im Grunde voraussetzt, daß altersgleiche bzw. leistungsgleiche und bei schwächeren Kindern ebenfalls in ihrer Leistungsminderung gleiche Kin­der einem Klassenverband angehören müssen, damit der vom Lehrer darge­botene Lehrplan in einer bestimmten Stunde von allen Kindern in gleicher Weise angenommen werden kann.

Vorschulische Erziehung

Immer steht hierbei im Vordergrund ein weitgehend passives Lernen, ein Empfan­gen des vorgeschriebenen Lehrstoffes von einer lehrenden Person. Die Schul­pädagogik ist von diesem Konzept so fasziniert, daß sie bestrebt war, es auch auf den vorschulischen Bereich auszu­dehnen.

Eine der bemerkenswertesten Tenden­zen des Deutschen Bildungsrates betraf dieVorschulische Erziehung. Aus die­sem Begriff allein schon geht hervor, daß die schulische Erziehung im Mittelpunkt unseres Bildungsgeschehens steht und daß die vorhergehenden Erziehungspro­zesse auf die Schule hin stattzufinden haben(Vorschule).

Auch hier wieder entstand aus den For­derungen des Deutschen Bildungsrates in weiten Bereichen der Bundesrepublik eine Trennung derVorschulkinder* nach Altersklassen, indem dieälteren Vorschulkinder die 5- bis 6jährigen von den jüngeren Vorschulkindern die 3- bis 4jährigen getrennterzogen (warum eigentlich nichtunterrichtet?) werden sollten.

Wenngleich diese Tendenz nach den Er­gebnissen von Großversuchen, wie etwa in Nordrhein-Westfalen, nach denen die vorgeschulten Kinder später nicht im geringsten bessere Schulleistungen hat­ten als die durch die klassische Kinder­gartenerziehung betreuten Kinder, in­zwischen fallengelassen wurde und der Kindergarten seine altersgemischten Gruppen behielt, blieb im Sonderschul­

bereich.diese Tendenz unverändert er­halten. Vorschulische Einrichtungen nach dem Sonderschulgesetz wurden den Sonderschulen vorgeschaltet, um die Kinder besser auf die Sonderschule vorzubereiten. Letztlich beinhaltet die Frühförderung durch Sonderpädagogen, wie sie in Bayern flächendeckend prak­tiziert wird, grundsätzlich die Gefahr, daß sie wie auch immer gestörte oder behinderte Kinder auf die Sonderschul­laufbahn vorbereitet.

Gemeinsame Erziehung

Aus kinderärztlicher Sicht, insbesondere aus der Sicht der Sozialpädiatrie wird deswegen der Begriff der Integration im­mer fragwürdiger, denn eine der wichtig­sten sozialpädiatrischen Erkenntnisse liegt darin, daß jede Erziehung in einer altersgleichen, entwicklungsgleichen und entsprechend auch in irgendeiner Behin­derung oder Störung erkennbar gleichen Gruppe soziale Lernprozesse nur schwer ermöglicht.

Eigene Studien über das Deprivations­syndrom von Säuglingen und Kleinkin­dern(Hellbrügge 1966; Hellbrügge 1970; Pechstein 1974) deckten auf, daß die früh­kindliche Sozialentwicklung und daran gekoppelt auch die Sprachentwicklung durch die Erziehung in altersgleichen Gruppen schwerwiegend negativ beein­trächtigt werden. Offensichtlich ist die kindliche Sozialentwicklung, das heißt die Entwicklung zur Selbständigkeit und zur Kontaktfähigkeit, extrem abhängig von dem Erlebnis helfender Prozesse. Nur wer hilft, wird wirklich selbstän­dig ist meine These, die sich aus den Erfahrungen der gemeinsamen Erziehung unterschiedlich alter und unterschiedlich leistungsfähiger Kinder aufdrängt.

Für den Schulbereich bestätigt sich da­mit, was in der Erziehung natürlicher­weise in der Familie gegeben ist, näm­lich, daß Geschwister normalerweise un­terschiedlich alt und unterschiedlich be­gabt sind. Die Vorteile dieser natürlichen Erziehungsverhältnisse auf die Schule übertragen hat Pestalozzi aber bereits vor 200 Jahren beschrieben:

HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVII, Heft 1, 1991