Theodor Hellbrügge
Integration und gemeinsame Erziehung
„So, wie das ältere und fähigere Geschwister unter dem Auge der Mutter den kleineren Geschwistern leicht alles zeigt, was es kann, und sich froh und groß fühlt, wenn es also die Mutterstelle vertritt, so freuten sich meine Kinder, das, was sie konnten, die anderen zu lehren. Ihr Ehrgefühl erwachte und sie lernten selber gedoppelt, indem sie das, was sie wiederholten, andere nachsprechen machten.‘(Pestalozzi 1926, S. 307).
Solche pädagogischen Grunderkenntnisse decken sich voll mit sozialpädiatrischen Erfahrungen, nach denen eine altersgemischte und leistungsungleiche Erziehungsgruppe nicht nur die Sozialentwicklung der Kinder maßgeblich fördert, sondern über diese auch die kognitive Entwicklung positiv beeinflußt.
Kinderärztliche Erfahrungen im Deutschen Bildungsrat
Unsere sozialpädiatrischen Erfahrungen stießen vor über 25 Jahren im Deutschen Bildungsrat— konkret als Mitglied des Ausschusses Vorschulische Erziehung, darüber hinaus auch als Berater im Ausschuß für Schulerziehung— auf ein völliges Unverständnis der Pädagogen. Hier ließ sich ganz klar ein gegenteiliges Ziel erkennen, nämlich eine Neuorganisation des Schulsystems, das jedem Kind eine altersgleiche und leistungsgleiche Gruppe, entsprechend bei behinderten Kindern auch eine behinderten-spezifische gleiche Gruppe, zuordnete. Hierzu muß das vorhandene Schulsystem— Stichwort: systematische Diskriminierung der jahrhundertelang erfolgreichen Dorfschule— geändert werden. Deshalb müssen heute kleine Kinder in großen Bussen zu großen Schulen gefahren werden, und die Idee der Gesamtschule schließlich führte zu Schulmonstren, in denen mehrere tausend Kinder nur um der Unterrichtung altersgleicher und leistungsgleicher Gruppen willen zusammengepfercht werden.
Das Ziel dieser Bildungsreform, um deretwillen solche organisatorischen Umwandlungen angestrebt wurden, deku
vrierte sich in neuen pädagogischen Vokabeln, von denen hier nur der Begriff „Curriculum“‘ als Synonym für Lerninhalte und Bildungsziele angeführt sei. Curriculum bedeutet in der wörtlichen Übersetzung nichts anderes als Pferderennen, bei dem ja auch mit der Chance des gleichen Starts und der Chance des gleichen Ziels vorübergehende Hochleistungen gefordert werden. Ob ein solcher Ansatz auch in der Pädagogik sinnvoll ist, darf aus kinderärztlicher Sicht sehr bezweifelt werden.
Zwei Erlebnisse im Ausschuß Vorschulische Erziehung seien hier angeführt, weil sie einerseits schon damals die Entwicklung unseres pädagogischen Systems andeuteten und weil sie andererseits für den Kinderarzt zu der Konsequenz führen mußten, eine Montessori-Schule zu gründen, in der mehrfach und verschiedenartig behinderte Kinder mit nichtbehinderten Kindern gemeinsam erzogen werden.
Der Ausschuß Vorschulische Erziehung versuchte damals, einen Überblick über vorschulische Einrichtungen in Europa zu erhalten. Dabei zeigten sich interessante Unterschiede zwischen dem kinderärztlichen und dem pädagogischen Ansatz. Als eine ideale Institution wurde einer der schönsten Kindergärten in Europa angesehen: der Kindergarten der Schweizer Spende im Schloßpark von Schönbrunn zu Wien. Nebeneinander sind dort im halbkreisformierten Grundriß alle Möglichkeiten etabliert: je eine Kindergartengruppe für hörbehinderte, sehbehinderte, geistigbehinderte, körperbehinderte, auch für gesunde Kinder. Während die Pädagogen von dieser speziellen Förderung begeistert waren und darin die Zukunft unserer vorschulischen Erziehung erblickten, schaute ich als Kinderarzt mir die Kinder näher an. Auf meine erstaunte Frage, daß die Kinder in der sehbehinderten Gruppe doch nicht blind seien, erhielt ich von der Kindergärtnerin die Antwort:„Sie sind zwar nicht blind, aber sie schielen‘. Auf dem Weg nach München zurück, stellte ich mir vor, daß eine frühzeitige Isolierung schielender Kinder 20 Jahre später vielleicht dazu führen könnte, Eisenbahnabteile für Brillenträger zu schaffen.
HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVII, Heft 1, 1991
Montessori-Pädagogik als kindzentrierte Pädagogik
Das andere Schlüsselerlebnis hatte ich in einem Montessori-Kindergarten, welcher der Anna-Schmidt-Schule in Frankfurt angeschlossen ist. Dieser Besuch wurde vom Ausschuß Vorschulische Erziehung eigentlich nur noch als weitgehend überflüssige Pflichtübung— um das Bild der verschiedenen Möglichkeiten vorschulischer Pädagogik abzurunden— angesehen, denn Maria Montessori’s Pädagogik galt damals als eigentlich schon der pädagogischen Historie angehörig.
Mein erster Eindruck von einem Montessori-Kindergarten war verblüffend. Während sich in ganz Europa vorschulische Einrichtungen schon von weitem durch das Geschrei der Kinder ankündigten, die um die Gunst einer Kindergärtnerin buhlten oder von dieser nur durch gemeinsames Singen oder Spielen von einem„Chaos‘ abgehalten wurden, zeigte sich hier eine völlige Stille.
Jedes Kind war mit etwas anderem beschäftigt: mit Tätigkeiten des praktischen Lebens, mit Sinnesmaterial oder mit didaktischem Material. Kleine Kinder, die anhand der Goldenen Perlen Freude an der Mathematik hatten oder über die Sandpapierbuchstaben freiwillig Leseübungen veranstalteten, erregten mein Kopfschütteln. Mehr noch verwunderte das selbständige Arbeiten der Kinder, denn weit und breit war keine Pädagogin in Sicht. Erst nach längerem Zuschauen kam eine ältere Dame unter dem Tisch hervor und erklärte, sie hätte unbedingt einem Kind, das auf dem Fußboden arbeiten wollte, bei seinen Problemen helfen müssen.
Das eigentliche Schlüsselerlebnis kam aber durch zwei Kinder mit Down-Syndrom zustande. Auf meine erstaunte Frage, ob diese geistigbehinderten Kinder denn in der Kindergartengruppe nicht störten oder in ihrer pädagogischen Förderung erheblich zu kurz kämen, erhielt ich die ebenso erstaunte Antwort von der Pädagogin, daß sie gar nicht mehr bemerkte, daß diese Kinder geistig behindert sind und ich doch selbst erkennen könnte, daß sie hier nicht stören.
Mit diesem Schlüsselerlebnis fuhr ich
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