Toni Mayr*
Zur Epidemiologie von Sprach-, Sprech- und Kommunikationsstörungen
aber bei einer ausprägungsorientierten Grenzzeihung an der dritten Perzentile zu einer Rate von 10% aller Vorschulkinder, die einer intensiven Sprachtherapie bedürfen. Nach Teumer(1983) bedürfen wenigstens 15% der Vier- bis Sechsjährigen sprachheilpädagogischer Maßnahmen. Andererseits liegt unsere Prävalenzrate aber deutlich unter der anderer Autoren, die von einer vergleichbaren, allein am Faktum der Abweichung orientierten Störungsdefinition ausgehen(29,9% bei Heindorf et al. (1967), 27,4% bei Schulze und Teumer (1973, 1974)). Diese Differenzen dürften sich nur zum geringeren Teil aus Unterschieden in der Alterszusammensetzung der Stichprobe oder den bekannten Schwierigkeiten einer objektiven Diagnostizierung(vgl. hierzu z.B. Castell et al. 1980; Grohnfeldt 1979) erklären lassen. Vielmehr spricht manches dafür, daß in unserer Erhebung die wahre Prävalenz tatsächlich beträchtlich unterschätzt wird: Einmal ist zu bedenken, daß sich diese Rate von 15,1% auf einen Bereich bezieht, in dem ja bereits behandelt wird— Fälle mit abgeschlossener Behandlung wurden bei der aktuellen Erfassung aber nicht mehr berücksichtigt—, zum zweiten muß die Wirksamkeit eines Filtereffekts(Vorauswahl potentiell sprachgestörter Kinder durch das Regelpersonal des Kindergartens) in Betracht gezogen werden. Vorliegende Erfahrungen aus dem Schulbereich zeigen, daß eine Vorerfassung mit Hilfe von Nichtfachleuten, verglichen mit einem vollständigen Screening durch Experten, faktisch nur Mindestzahlen erbringt (Sander 1973). Inhaltlich dürften dafür neben mangelnder Fachkompetenz offensichtlich auch eher pragmatische Überlegungen des Regelpersonals verantwortlich sein. Hinweise darauf ergeben sich aus der Analyse der Altersverteilung. Das Phänomen, daß, im Gegensatz zu der gut gesicherten Beobachtung, wonach die Häufigkeit von Sprachstörungen mit zunehmendem Lebensalter der Kinder sinkt, hier ein Häufigkeitsgipfel bei der Altersgruppe der S-Jährigen gefunden wurde, läßt sich u.E. am besten mit der bevorstehenden Einschulung der Kinder erklären. Letztere führt
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offenbar dazu, daß Kinder mit Sprachauffälligkeiten auch verstärkt zur Diagnose vorgestellt werden.
Was die Geschlechtsspezifität betrifft, bestätigen die vorliegenden Untersuchungsergebnisse die bekannt erhöhte Belastung von Jungen. Die in der Klientel gefundene Relation: Jungen zu Mädchen von insgesamt etwa 2:1 entspricht in etwa den Angaben von Heindorf et al.(1967), Luchsinger& Arnold(1970), Wurst(1973), Richman et al.(1982) und Franke(1983, 1985). Übereinstimmung besteht auch darin, daß die Asymmetrie des Auftretens beim Stottern stärker ausgeprägt ist(Fiedler und Standop 1978; Remschmidt& Niebergall 1985). Auffällig hingegen sind die(vgl. z.B. Remschmidt 1985) abweichenden Ergebnisse für das mutistische Verhalten: Die Affinität mutistischer zu sozial-ängstlichen Verhaltensweisen(vgl. hierzu- z.B. Lesser-Katz 1986) auf der einen und geschlechtsspezifische Rollenerwartungen auf der anderen Seite haben vermutlich vor allem bei der Vorauswahl durch die Erzieherinnen dazu geführt, daß solche Verhaltensweisen primär bei Jungen als auffällig klassifiziert wurden.
Die theoretische Einordnung der im einzelnen genannten Zahlen muß(mangelnde Standardisierung der Datenquelle (Expertenurteil), Wirkung vorgeschalteter Selektionsfilter und Erhebung in einem Bereich, in dem bereits behandelt wird) mit Vorsicht erfolgen. Diese erlauben aber doch einige weiterführende praktische Schlußfolgerungen: Zunächst folgt aus der epidemiologischen Situation, d.h. hier vor allem aus der weiten Verbreitung und der, was die Ausprägung betrifft, großen Streuung sprachlicher Anomalien mit einem relativ hohen Anteil leichterer Auffälligkeiten die Notwendigkeit einer festen Etablierung ambulanter sonderpädagogischer Betreuungssysteme im Kindergarten. Sie allein kann eine möglichst vollständige und rechtzeitige Identifikation von Problemkindern gewährleisten. Bezogen auf die Intervention garantiert sie das für die Wahrnehmung auch präventiver Aufgaben notwendige Maß an Flexibilität ohne administrativen Zwang zu frühzei
HEILPÄDAGOGISCHE
tiger Etikettierung. Die Grenzen einer ambulanten Betreuung werden dabei prinzipiell weniger durch die Schwere einer Auffälligkeit als durch die personelle und materielle Ausstattung des sonderpädagogischen Betreuungssystems und die Rahmenbedingungen der Regeleinrichtung(Gruppengröße, Personalschlüssel) bestimmt(vgl. hierzu etwa Dittrich 1987; Hüffner& Mayr 1987; Schreuer 1987).
Über die skizzierten grundsätzlichen Vorzüge hinaus werden aber auch einige spezifische Probleme deutlich: So kann die für administrative Planungsprozesse wichtige Frage nach der notwendigen quantitativen Auslegung ambulanter Fördersysteme im Kindergarten gegenwärtig nur unzureichend beantwortet werden, weil eine zufriedenstellende Antwort unmittelbar von der Lösung des unseres Wissens bislang nicht endgültig geklärten inhaltlichen Problems der Abgrenzung(noch) nicht therapiebedürftiger von.therapiebedürftigen Sprachauffälligkeiten abhängt. Ambulante Betreuungssysteme sind aufgrund der dokumentierten spezifischen Zusammensetzung ihrer Klientel mit dieser Problematik naturgemäß sehr viel stärker konfrontiert als stationäre Einrichtungen, bei denen die Behandlungsbedürftigkeit der aufgenommenen Klienten wegen der Schwere ihrer Störungen quasi evident ist. Auch wenn unter dem Gesichtspunkt der Prävention der Begriff ‚Behandlungsbedürftigkeit‘ in diesem Feld eher weit zu fassen ist, fallen angesichts der hohen Prävalenz notwendig relativ viele Abgrenzungsentscheidungen an. Dabei scheint eine ausschließlich an statistischen Verteilungsnormen orientierte Feststellung der Therapiebedürftigkeit insofern nicht unproblematisch, als solche Grenzziehungen ohne nähere inhaltliche Begründungen immer mehr oder weniger willkürlich sind. Bei Behandlungsentscheidungen im unteren Bereich des Schwerespektrums fallen. andere Faktoren, wie z.B. Störungsbewußtsein bzw. Leidensdruck, Veränderungsmotivation, Lebenssituation des Kindes, mögliche Auswirkungen der Auffälligkeit auf die Stellung in der PeerGruppe, aber auch Elternerwartungen
FORSCHUNG Band XVI, Heft 1, 1990