Emil E. Kobi
derten, sondern der dyspraktische und wahrnehmungsgestörte, der lern- und kommunikationsgestörte, sowie der emotional verwirrte Mensch,„Absurdität‘‘ im wörtlichen Sinne des ‚„Mißtönenden‘“‘ scheint mir die Kennmarke derzeitiger Behinderungszustände zu sein, in denen ein Kind, trotz regelhafter motorischer, perzeptiver, verbaler, kognitiver und affektiver Ausstattung diese nicht zu einem integrativen Ganzen zu entwickeln und in eine realitätserzeugende Verbindung zu treten vermag mit der Sach- und Personwelt.
Der nichtbehinderte Behinderte und der behinderte Nichtbehinderte
Am Horizont anomischer Heilpädagogik zeichnen sich als Folge der erwähnten Antinomien und Verwirrungen zwei paradoxe Gestalten ab:
— der nichtbehinderte Behinderte und
— der behinderte Nichtbehinderte.
Als der real- und gelegentlich sogar als idealtypische ‚„Heilzögling‘‘ erscheint der Behinderte, dessen Präsentationsund Verhaltensweisen den heilerzieherischen Intentionen nicht hindernd im Wege stehen und der also imstande ist, auf einer Meta-Ebene die ihm angebotenen Hilfen zu akzeptieren und zu nutzen, ohne dadurch freilich sein Behindertsein zu überwinden, Nur so vermag er nämlich im Gegenzug den idealtypischen Heilpädagogen in dessen behindertem Nichtbehindertsein und mithin in dessen beruflicher Identität zu bestätigen. Des einen Not liefert des anderen Bestätigung und Betätigung,
Emanzipatorische Bestrebungen, welche den Behinderten dazu veranlassen könnten, diese für ihn vorgesehene Rahmenbedingung zu übersteigen und desgleichen integrative Bestrebungen zur Normalisierung(im Sinne einer„Entsonderung“) der Umgangsweisen gefährden hingegen die prästabilierte Harmonie und Interdependenz von Unbeholfenheit und Hilflosigkeit, welche sich syste
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Stabilität und Wandel in der Geschichte des Behindertenwesens
misch-autopoietistisch ins Bild setzen läßt mit der Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt.
Was uns zunehmend Schwierigkeiten bereitet, das sind demgemäß die progressivspiralförmigen Beziehungen und Entwicklungen zwischen dem, was in einem ersten Schritt als Problem erkannt bzw. definiert wird, in der Folge durch bestimmte Methoden(pharmazeutischer, unterrichtlicher, organisatorischer Art) Lösungen zugeführt wird, die sich— zumal bei exzessiver Anwendung— ihrerseits zu Problemen zweiten Grades auswachsen, welche nach weiteren Lösungen verlangen, die bereits aber den Kern neuer Probleme in sich tragen etc. Wer die Endlösung nach dem Motto: Es soll keine Behinderung mehr geben! anstrebt, versetzt sich ins Chaos. Damit sind wir beim„Übel der fehlenden Grenze, das die Anomie mit sich bringt“(Durkheim, 1973, S. 311). Hier meine ich denn auch die Gefahr eines ‚„„Durchdrehens des Systems“(Bateson, 1982) in Form eines Panpädagogismus deutlich machen zu müssen, verstanden als stete und totale Präsenz eines output-orientierten Erziehungsanspruchs. Die plakativen Thesen von der Notwendigkeit der Frühförderung(mit Rückgriff auf die Elternschaft), des lebenslangen Lernenmüssens bis hin zur Thanatopädie, der Ausschöpfung von Begabungsresten und des Auswringens letzter Entwicklungsmöglichkeiten beim Kinde sind uns so geläufig geworden, daß uns die darin versteckte Ausbeutungsideologie oft kaum mehr ins Bewußtsein tritt. Wo immer noch etwas ist, soll daraus etwas(selbstredend Besseres) gemacht werden. Wir vermögen offenbar nur in Prozessen von da nach dort Sinn und Wert heilpädagogischer Präsenz zu erfahren.„Die Lehre vom Fortschritt und zwar vom schnellstmöglichen ist zu einem Glaubensartikel geworden‘, wie Durkheim(1973) bereits zur Jahrhundertwende feststellte.
Für ein bloßes Arrangement im schlichten So- und Dasein sind uns Sinn und Wert hingegen abhanden gekommen. Allein schon der Gedanke daran, eine Lebensform auf sich beruhen zu lassen, sich mit ihr abzufinden und auszusöhnen, verletzt unsere berufliche Identität
als Weltverbesserer so sehr, daß er lediglich als Ausdruck von Totalismus, Defätismus und Resignation erfaßt werden kann.
Der„moderne*“‘ Behinderte ist in der Tat nicht mehr einfach eine„Naturtatsache‘“‘, sondern eine„Kulturerscheinung‘‘. Seine Definition erfährt er durch die Hilfe, die wir ihm angedeihen lassen: Behindert ist, wer als speziell therapie- und förderungsbedürftig erkannt wird. Entsprechend focussiert sich denn auch die Problemdiskussion nicht mehr auf die Fragen der direkten Perspektive von Behinderung/Unversehrtheit, Hilfebedürftiger/Helfer, sondern auf solche der supervisierten Meta-Ebene des normalisierten Behinderten und dessen Coping- und Fitting Problematik, sowie des eben dadurch aus seinen Angeln gehobenen Helfers, der durch unterlassene Hilfe mithelfen soll, jede Konturierung eines Hilfeempfängers zu vermeiden. Die paradoxe Spannung zwischen geforderter Akzeptanz bis hin zur Ignoranz des Behindertseins(als Daseinsform) einerseits und forcierter Ablehnung bis hin zur Prävention der Behinderung(als unerwünschtes Attribut) andererseits hat denn auch extreme Double-bind-Erfahrungen und borderlineartige Identitätszerstörungen zur Folge.
Die Heilpädagogik beschäftigt sich in Phasen der Anomie in weiten Bereichen tatsächlich oft nur noch mit sich selbst: D.h, mit ihrem Innenleben, ihrer Begrifflichkeit, ihren Methoden und vor allem mit ihrem Personal. Auch ein Blick auf Fortbildungsveranstaltungen in unserem Fachgebiet macht diese internalisierte Problematik deutlich, so daß man pointiert definieren könnte: Heilpädagogik ist jener Zweig der Erziehungswissenschaft, der sich mit Behinderungen und Störungen befaßt, welche Pädagogen erleiden, die dem integrativen Normalitätsanspruch gegenüber Behinderten ausgesetzt werden.
Um die Sache wieder auf die direkte Perspektive zurückzuführen, müßte man folglich den Behinderten definieren als eine Person, deren Existenz(vor allem auch durch sich selbst!) vorbehaltlos zu akzeptieren und zu bejahen ist, nachdem der gegen sie geführte Präventivschlag
HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVI, Heft 3, 1990