Andreas Möckel
milien schwer belasteten, fielen dagegen umso schwerer ins Gewicht(Lamprecht, 1990). Der Aberglaube von heute, ist die überholte wissenschaftliche Lehrmeinung von gestern. Besonders bedrükkend und in der Nazizeit zu dem auch noch lebensgefährlich waren zwei Irrtümer: pauschal attestierte Erblichkeit und Zuschreibung von schlechten Charaktereigenschaften. Die Lehre von der Erblichkeit der Epilepsie ist in der Nazizeit vielen Menschen zum Verhängnis geworden. Anfallskranke Jugendliche wurden nach 1934 in Deutschland zwangsweise sterilisiert. Im Kriege beteiligten sich entgleiste Wissenschaftler an der Ermordung von Tausenden von psychisch Kranken und geistig behinderten Menschen. Darunter waren auch viele Anfallskranke. Auf dem Hintergrund der blutigen Vorurteile aus der Nazizeit muß man die Berichte aus den ersten für anfallskranke Kinder eingerichteten Schulen lesen. Die Geschichte der anfallskranken Kinder ist ein Beispiel dafür, wie in einem wissenschaftlichen Zeitalter neue Mythen und Mächte aufkommen können, die unerbittlich Opfer fordern und in den gelehrten Berufen willige Helfer finden, weil ihnen der unreflektierte Wissenschaftsglaube ein gutes Gewissen gibt, obgleich ihre Hände blutig sind.
Im Artikel, den Fritz Kölle, Lehrer und erster Direktor der Schweizerischen Anstalt für Epileptische in Zürich, im Enzyklopädischen Handbuch von Wilhelm Rein schrieb, überrascht die Nüchternheit(Kölle, 1904). In einer vorurteilsfreien, empathischen und teilnehmenden Beobachtung lag der Beitrag der Pädagogik zur Erziehung von geistig behinderten, körperbehinderten, verwahrlosten und anfallskranken Kindern. Emil E. Kobi hat darauf hingewiesen, daß Konzepte wie„Erethie‘“ oder„enechetisches Syndrom“ für Lehrerinnen und Erzieherinnen von anfallskranken Kindern eine zweischneidige Hilfe sind (In: Mattmüller, 1975, S. 98). Das pädagogische Problem bei anfallskranken Kindern darf nicht nur die Kinder und ihre Anfälle einbeziehen, sondern muß das komplizierte Wechselspiel von Erwachsenen und Kindern beachten. Die
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Zur Geschichte der Erziehung anfallskranker Kinder
Erzieher in den ersten Anstalten haben sich an der Dokumentation der Anfälle beteiligt, leider sind keine Dokumentationen von kennzeichnenden Erziehungssituationen entstanden. Schriftstellerisch begabte Anfallskranke, wie zum Beispiel Sue Cooke(1987), haben sich zur Geschichte ihrer Erziehung selten geäußert.
Erkennen und Ansprechbarkeit
Dieses Merkmal des heilpädagogischen Paradigmas gilt für die erste öffentliche Erziehung anfallskranker Kinder in anderer Weise als für die übrigen Sonderschulen. Jedermann wußte, daß sie erzogen und unterrichtet werden konnten. Nicht die Frage der Bildsamkeit mußte geklärt, sondern die Aufgabe der Wartung während der Zeit der Bildung mußte gelöst werden. Fritz Kölle gibt eine Aufstellung über die Anfälle von 70 Pfleglingen im Laufe eines Jahres, von denen die meisten im Schulalter waren:
Anfälle Pfleglinge keine N re an ee 6 zwischen 3und 10 12h HF HE 33 20 und 40.>. 200.22 00.008 Hm0 4 40 und 60»....0..207 000 07 nl 8 60 und 80.....0.00000000004 4 80 und 100 sw rel nal 7 100 und 150..0...00020004Hs 5 150 und 200.20 rue Henn S 200 und. 300 2de ehe Hat Ha 4 300 und. S00 1: see re 2 500 und 1000.....0.000004004 3 1000 und mehr............4 5 (nach Kölle, 1904, S. 477).
Diese nüchternen Zahlen lassen ahnen, daß es sich hier um eine andere Art der Ansprechbarkeit als bei intellektuellen oder bei Sinnesschädigungen handelte, Kölle bezeichnete 10% als„nicht unterrichtsfähig(blöde)‘. Bei diesen Kindern handelte es sich in der Tat in erster Linie um die intellektuelle Ansprechbarkeit. Im übrigen erhob sich jedoch die Frage, was bei einigen Kindern mit dem Unterricht überhaupt zu erreichen sein mochte, wenn sich Anfälle im Laufe der
Jahre in zunehmendem Maße häuften und das Lernen mehr und mehr erschwerten. Es gibt keine systematische Darstellung typischer pädagogischer Schul- und Lebenswege, so wie die Medizin Anfälle und Krankheitsverläufe systematisiert und vielfältig unterteilt hat. Auch die Frage, ob und wie ein Anfallsleiden mit Kindern besprochen werden soll, ist nicht nur eine medizinische, sondern auch eine erzieherische Frage.
Diagnostik
Für anfallskranke Kinder ist keine pädagogische Diagnostik ausgearbeitet worden,— leider. Worauf hätte sie sich beziehen sollen? Sie schien nicht nötig. Wenn anfallskranke Kinder in Anstalten eintraten, mußte geklärt werden, ob sie eher zu den durchschnittlich begabten oder zu weniger oder schwachbegabten oder schwachsinnigen Kindern gehörten. Erst die Tiefenpsychologie hat zusammenhänge nicht nur sichtbar, sondern auch benennbar gemacht, die auch für die Erziehung anfallskranker Kinder relevant sind. Hierzu gehört die Bedeutung einer chronischen Krankheit für die Lebensgestaltung und der Krankheitsgewinn, der durch die Funktionalisierung der Krankheit zustande kommen kann (Weizsäcker, 1986). Die pädagogische Diagnostik dürfte nicht bei den Kindern allein ansetzen, sondern müßte die Bedeutung der Krankheit für die soziale Realität in Schule und Familie analysieren. Besonders ein plötzlicher Anfall in einer bis dahin von Epilepsie unberührten Familie verändert die Sprache zwischen den Familienangehörigen und in der Schule, ‚„, ‚Du weißt, daß dein Leben sich nun von Grund auf ändern wird! Du kannst die Dinge nicht mehr so betrachten wie früher. Du bist anders als die anderen, und du wirst nie mehr so sein wie sie!‘ Er sagte das freundlich und als würde er mit einem Erwachsenen sprechen. Um seine Augen erschienen kleine Fältchen, als er traurig lächelte. Trotzdem hatten seine Worte einen Beigeschmack des Verhängnisvollen, der mich tief bestürzte. Ich erwiederte: ‚Ich
HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVI, Heft 3, 1990