Aus der Au: Fontane als Kunstkritiker Kittelmann 169 brachte, war Illies zufolge längt bekannt und populär. Mit Fontane könnte man wohl antworten»Ja, aber auch Nein« und zugleich ein fragendes wirklich? folgen lassen. Dass es so einfach dann doch nicht ist und dass Fontanes Beiträge zur Kunstkritik durchaus eine eigene Studie wert sind, zeigt die im gleichen Jahr wie Illies‘ Buch publizierte Monographie Theodor Fontane als Kunstkritiker von Carmen Aus der Au. Fontanes kunstkritisches Schaffen (der Begriff Werk wird freilich vermieden), das bislang nur in einzelnen wissenschaftlichen Aufsätzen und verstreuten Beiträgen Thema war, erfährt hier nun erstmals eine umfassende Untersuchung und Diskussion. Aus der Au geht es dabei nicht darum, Fontane als Kunsttheoretiker oder Kunsthistoriker, der er nicht war, zu porträtieren, sondern vielmehr seine ästhetischen Fragestellungen, seine Reaktion auf zeitgenössische Konzepte, kunsthistorische Debatten und Diskurse(S. 18) zu verorten und zugleich als »dezidiert subjektive Urteile«(ebd.) zu untersuchen. Dabei rücken sowohl die»Funktion von Kritik« als auch Gesten der»Autorschaftsinszenierung« und ein für Fontane spezifischer Umgang mit»Fachwissen«(ebd.) ins Blickfeld. Die Arbeit hat den Anspruch, die für das Verständnis und die Erforschung Fontanes»essenzielle Thematik der Kunstkritik«(S. 15) zugleich an die Poetik des Dichters zu koppeln(S. 18). Ein interessanter und wie sich im Fortgang der Lektüre der 400 Seiten starken und mit einem sehr schönen, geschmackvoll ausgewählten Bildteil ausgestatteten Arbeit herausstellt, auch überzeugender Ansatz. Die Textgrundlage der Studie geht dabei über die zweibändige, im Rahmen der Nymphenburger Ausgabe als Aufsätze zur bildenden Kunst publizierte Edition weit hinaus. Wie textuell breit gestreut und zugleich gattungs- und medienübergreifend sich Fontanes kunstkritische Beiträge präsentieren, zeigt die umfangreiche»summarische Beschreibung, sämtlicher Texte, die als Kunstkritiken erscheinen oder in engem Bezug dazu stehen.«(S. 20). Das Material wird hier somit erstmals»vollumfänglich« (ebd.) besichtigt und wissenschaftlich erschlossen. Zu Ausstellungsberichten, Museumsbeschreibungen, Künstlerbiografien, Buchrezensionen, Architektur und Bildhauerei gesellen sich Beiträge aus Reiseberichten, die italienischen Aufzeichnungen, Passagen aus den Wanderungen sowie Briefwechsel, Kriegsberichte und entsprechende Stellen in den Romanen. Die Themen sind divers. Publikationsorgane und Entstehungskontexte offenbaren sich als ebenso unterschiedlich wie der Aufbau der kunstkritischen Schriften(S. 23). Aus der Au weiß um die Komplexität und den hohen Anspruch ihres Gegenstandes, dem sie sich allerdings durch ihr breites Fachwissen, ihre exzellente und umfassende Kenntnis der Texte sowie ein hohes analytisches Gespür durchgängig gewachsen zeigt. Wie die gesamte Arbeit ist der erste mit»Theodor Fontane als Kunstkritiker«(S. 17–155) überschriebene Teil erfreulich übersichtlich gestaltet, gut strukturiert und zugleich detailliert ausgeführt. Aus der Au verliert sich an
Heft
(2019) 107
Seite
169
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