Signatur Fontane tens dieses Menschen ist. Auch spricht der Mund nur Gedanken eines Menschen, das Gesicht einen Gedanken der Natur aus. […] Ist nun schon jedes Individuum, als ein einzelner Gedanke der Natur, betrachtungswürdig; so ist es im höchsten Grade die Schönheit; denn sie ist ein höherer, S aSlp c lg h ee o cmi p e e se n .in[ h …e a r u ]e e r r Begriff der Natur: sie ist ihr Gedanke der Alle gehen stillschweigend von dem Grundsatz aus, daß Jeder ist wie er a u s s i e h t; dieser ist auch richtig; aber die Schwierigkeit liegt in der Anwendung […]. […] Allerdings ist die Entzifferung des Gesichts eine große und schwere Kunst. Ihre Prinzipien sind nie in abstracto zu erlernen. Die erste Bedingung dazu ist, daß man seinen Mann mit r e i n o b j e k t i v e m Blick auffasse; welches so leicht nicht ist. Sobald nämlich […] irgend etwas Subjektives sich einmischt, verwirrt und verfälscht sich die Hieroglyphe. […]« Dann 673: »Schon jedes Gespräch nämlich befreundet einigermaaßen und führt einen gewissen rapport , eine wechselseitige, s u b j e k t i v e Beziehung ein, bei der die Objektivität der Auffassung sogleich leidet. […]« Weiter, 674 f.: »Denn um die wahre Physiognomie eines Menschen rein und tief zu erfassen, muß man ihn beobachten, wenn er allein und sich selbst überlassen dasitzt. Schon jede Gesellschaft und sein Gespräch mit einem Andern wirft einen fremden Reflex auf ihn, meistens zu seinem Vortheil, indem er durch die Aktion und Reaktion in Thätigkeit gesetzt und dadurch gehoben wird. Hingegen allein und sich selber überlassen, in der Brühe seiner eigenen Gedanken und Empfindungen schwimmend, – nur da ist er ganz und gar e r s e l b s t.« […] Weiter , 676 f.: »Der Blick der K l u g h e i t, selbst der feinsten, ist von dem der G e n i a l i t ä t dadurch verschieden, daß er das Gepräge des Willensdienstes trägt; der andere hingegen davon frei ist. […] Anders nun aber, als mit dem Intellektuellen, verhält es sich mit dem Moralischen, dem Charakter des Menschen: dieser ist viel schwerer physiognomisch zu erkennen; weil er als ein Metaphysisches, ungleich tiefer liegt und mit der Korporisation, dem Organismus, zwar auch zusammenhängt, jedoch nicht so unmittelbar und nicht an einen bestimmten Theil und System desselben geknüpft ist, wie 44 46 Fontane Blätter 103 Unveröffentlichtes und wenig Bekanntes
Heft
(2017) 103
Seite
46
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