Heft 
(2017) 103
Seite
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Signatur Fontane tens dieses Menschen ist. Auch spricht der Mund nur Ge­danken eines Menschen, das Gesicht einen Gedanken der Natur aus. [] Ist nun schon jedes Individuum, als ein ein­zelner Gedanke der Natur, betrachtungswürdig; so ist es im höchsten Grade die Schönheit; denn sie ist ein höherer, S aSlp c lg h ee o cmi p e e se n .in[ h …e a r u ]e e r r Begriff der Natur: sie ist ihr Gedanke der Alle gehen stillschweigend von dem Grundsatz aus, daß Jeder ist wie er a u s s i e h t; dieser ist auch richtig; aber die Schwierigkeit liegt in der Anwendung []. [] Allerdings ist die Entzifferung des Gesichts eine große und schwe­re Kunst. Ihre Prinzipien sind nie in abstracto zu erlernen. Die erste Bedingung dazu ist, daß man seinen Mann mit r e i n o b j e k t i v e m Blick auffasse; welches so leicht nicht ist. Sobald nämlich [] irgend etwas Subjektives sich einmischt, verwirrt und verfälscht sich die Hieroglyphe. []« Dann 673: »Schon jedes Gespräch nämlich befreundet einigermaaßen und führt einen gewissen rapport , eine wechselseitige, s u b j e k t i v e Beziehung ein, bei der die Objektivität der Auffassung sogleich leidet. []« Weiter, 674 f.: »Denn um die wahre Physiognomie eines Menschen rein und tief zu erfassen, muß man ihn beob­achten, wenn er allein und sich selbst überlassen dasitzt. Schon jede Gesellschaft und sein Gespräch mit einem An­dern wirft einen fremden Reflex auf ihn, meistens zu sei­nem Vortheil, indem er durch die Aktion und Reaktion in Thätigkeit gesetzt und dadurch gehoben wird. Hingegen allein und sich selber überlassen, in der Brühe seiner eige­nen Gedanken und Empfindungen schwimmend, nur da ist er ganz und gar e r s e l b s t.« [] Weiter , 676 f.: »Der Blick der K l u g h e i t, selbst der fein­sten, ist von dem der G e n i a l i t ä t dadurch verschieden, daß er das Gepräge des Willensdienstes trägt; der andere hingegen davon frei ist. [] Anders nun aber, als mit dem Intellektuellen, verhält es sich mit dem Moralischen, dem Charakter des Menschen: dieser ist viel schwerer physiognomisch zu erkennen; weil er als ein Metaphysisches, ungleich tiefer liegt und mit der Korporisation, dem Organismus, zwar auch zusam­menhängt, jedoch nicht so unmittelbar und nicht an einen bestimmten Theil und System desselben geknüpft ist, wie 44 46 Fontane Blätter 103 Unveröffentlichtes und wenig Bekanntes