Heft 
(1977) 26
Seite
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Berlin, 10. Juli 62.

Meine liebe gute Frau,

Eigentlich ist es halber Unsinn, daß ich diese Zeilen noch schreibe, aber ich kann doch der Versuchung nicht widerstehen und bezahle sie mit 3 Silbergroschen. Gestern, auf einem Abendspatziergange am Canal nach der Hasenheide hin, hab ich möglicherweise eine Wohnung für uns entdeckt und zwar in einem umgebauten, noch nicht ganz fertigen Eckhause (Ecke vom Johannistisch und der Canalstraße, also neben dem hübschen Privathause mit Georginen und Eisengitter vor der Thür, das wir uns öfters angesehen haben)! Gestern Abend als ich die beiliegende Zeichnung machte, erschien mir die Sache beinah unbedingt gut, in der Nacht aber hab ich mir doch überlegt, daß die Wohnung zu klein ist, nicht an Zimmerzahl, sondern an Quadratfüßen, an Ausdehnung überhaupt. Unsre jetzigen Zimmer sind nämlich so groß, daß wir viel mehr Sachen besitzen als wir eigentlich glauben, so daß ich sicher bin, würden alles gar nicht placieren können.

Entschließen wir uns jedoch (und Du wirst nichts dagegen haben, denn Dir liegt wenig an fremdländischer Einquartierung) die l.fenstrige Fremdenstube als solche aufzugeben und zu einer höh- ren Rumpelkammer zu machen, so könnte die Wohnung leidlich hübsch werden. Wir müßten dann einzelne Schränke, den Stuhl der Nacht und eine Badewanne (für die ich doch sehr bin und doppelt bei Wasserleitung) etc. etc. darin placiren. Dann würde R. neben der Küche zur Speisekammer. Ich, für mein Theil hätte gar nichts gegen Köpnickerfeld etc. es geht aber Georgen halber nicht und ewiges Schulewechseln ist nicht gut. Übrigens trag ich mich mit einem großen Gedanken, angeregt durch Hesekiel der ähnliches beabsichtigt nämlich mit dem Bau eines Hauses, in dem man nur selber wohnt. Man kauft eine Bau-Stelle für 1000 rthl. und hat man eine solche Stelle, so erhält man ohne Mühe 3000 rthl. zum Bau eines Hauses, die dann zu erster Hypo­thek völlig sicher stehn. Hat man dann auch 5000 rthl. zu verzinsen zu 4 und 5 °/o, so wohnt man immer nicht theurer als wenn man für 200 bis 250 rthl. zu Miethe wohnt. Einzelne Ausgaben kommen zwar hinzu, aber die Annehmlichkeit ist dafür sehr, sehr groß, der Werth des Grundstücks wächst in der Ausdehnung der Stadt, so daß er sich verdoppeln kann. Sprich mit Treutier darüber. Dein ganz geschäftlicher Th. F.

Falls Emilie mit Treutier gesprochen haben sollte, wird er abgeraten haben, schon aus dem Mangel des Anfangskapitals heraus, jedenfalls wurde aus dem Projekt nichts. Es würde sich bei dem raschen Wachs­tum Berlins in den Gründerjahren und der damit erfolgenden ungeheu­ren Wertsteigerung aller Grundstücke zweifellos gelohnt haben. Mit der im Brief erwähnten ,Canalstraße' ist das Planufer gemeint; bei dem Eckhause ist das Haus Am Johannistisch 3/Ecke Planufer gemeint. Es wurde im zweiten Weltkrieg zerstört.

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