Emilie Fontane war nach kurzem Aufenthalt in Beriin nach Neuruppin zur Schwiegermutter gereist, wo der folgende Brief des Gatten vom 31. Juli 1862 sie erreichte. Er bringt ein humorvolles Erlebnis aus dem Privatleben, wie man es in dieser Art in dem umfangreichen Briefwechsel nur selten findet:
„Erlebt hab’ ich in diesen Tagen wenig oder gar nichts, aber so gleichförmig die Tage waren, so abwechslungsreich waren die Nächte. Am Sonntag schlief ich noch an alter Stelle und unter den alten gesicherten Verhältnissen, wenn man ein Liegen auf Sprungfedern, die alle auf dem Punkt stehn, einem ihre Spitzen in den Leib zu bohren, noch gesicherte Verhältnisse“ nennen kann. Schon am Montag änderte sich die Sache. Der Tapezierer hatte meine Matratze abgeholt, und so zog ich denn in Dein Bett — meine Bettstelle wie einen Rahmen, in dem das Bild und das Glas fehlen, neben mir. Es hatte etwas Schauerliches, Abgrundhaftes, aber die Kute der alten wackren Matratze, in der ich sicher wie in einem Troge lag, enthob mich wenigstens des Gefühls einer drohenden Gefahr. Auch dies sollte anders werden. Am Dienstag kehrte meine Matratze zurück, ohngefähr so, wie Du von Deiner schlesischen Reise — jung und dick geworden, und Deine Matratze wanderte nunmehr den Weg des Tapezierers. So kam der Dienstag abend; ich bestieg ahnungslos mein Lager. Den Bettstellenabgrund, den ich am Abend vorher zur Linken gehabt hatte, hatt’ ich nun zur Rechten, und gefahrlos, wie ich die vorige Nacht am Abgrund geschlafen hatte, hoffte ich diese Nacht wieder schlafen zu können. Aber da hatt’ ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Während ich die Nacht vorher auf der alten Matratze wie in einem sichren Troge gelegen hatte, lag ich jetzt auf der strammen, neuen Matratze wie auf einem umgestülpten Troge, jeden Augenblick in Gefahr, von der Rundung herunterzukollern. Endlich stellt’ ich den Nachttisch in die Höhle hinein, um eine Art Gegenhalt zu gewinnen, und so, vor dem Äußersten gesichert, schlief ich ein. Seit gestern abend ist auch Deine Matratze wieder zurück, und der Abgrund hat sich geschlossen. Die Matratzen selbst sind aber durch die neue Polsterung so hoch geworden, daß ich gestern das Gefühl hatte, ich stiege in eine Art von Hängeboden oder schliefe in einer zweiten Etage.“
Nach einigem Suchen fand man schließlich eine Wohnung „intra muros“ am Anfang der Luisenstadt in der Alten Jakobstraße. Am 27. September 1862 erfolgte der Umzug von der Tempelhofer Straße nach Alte Jakobstraße 171, parterre links. Das Wirtschaftsbuch weist 10 Taler, 5 Silbergroschen an Umzugskosten aus. Die Miete betrug 62,15 Reichstaler im Quartal. Das Haus war ein gerade fertig gewordener Neubau — ein vierstöckiges Vorderhaus mit zwei Seitenflügeln — und gehörte dem Maurermeister Johan Friedrich Carl Corsalk. Im zweiten Weltkrieg wurde es zerstört.
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