hätten die Mittel — selbst wenn es sich nur um eine kurze Niederkunftsbleibe gehandelt hätte — bei meinen im Kampf ums Dasein stehenden Eltern nicht annähernd gereicht. War es doch ohnehin nicht das frühere, in Anlehnung an griechischen Stil gebaute und m. W. von einem Universitätsprofessor Kaspar mit seiner Familie bewohnte Haus selbst, sondern nur ein Teil von dessen Drempel- oder Bodengeschoß mit winzig kleinen Fenstern, in dem meine Mutter, in Abwesenheit ihres in England weilenden Gatten, ihre recht schwere Stunde durchzumachen hatte.
Von der elterlichen Wohnung in der Belle-Alliance-, damals Tempelhofer Straße 51, dem Geburtshaus meiner Schwester, dämmert mir nur eine dunkle Vorstellung. Etwas mehr weiß ich von unserer nächsten Wohnung in der neuen Jakobstraße, zu der ein merkwürdiges kleines Zimmer — das Dreieck genannt — und ein Hintergarten gehörte. So entsinne ich mich, daß eines Tages uns Paul Heyse mit Kindern besuchte, von denen mindestens das Geschwisterpaar Julie und Hans bei uns, wohl im Dreieck, übernachtete. Von den Kindern, jedenfalls von dem Mädchen habe ich eine südländisch wirkende Vorstellung behalten, von dem berühmten Vater dagegen leider gar keine.
Hirscheistraße 14:
In dem damals ziemlich ansehnlichen Haus Ecke Dessauer Straße hatten meine Eltern die von der Stadtmauer aus am meisten links belegene Wohnung im ersten Stock inne. Ein dunkler Flur trennte zwei nach vom liegende, als Arbeitszimmer des Hausherrn und als Damenzimmer dienende, leidlich große zweifenstrige Räume von zwei auf einen engen unfreundlichen Hof gehenden Schlafstuben. Die eine davon schuf hintenherum eine sonst nur durch die erstgenannten Zimmer mögliche Verbindung zum großen einfenstrigen Berliner Zimmer, das als Eßraum dienend auch zum Schlafen mit herhalten mußte. Dann folgte ein Durchgangsstübchen zur Küche.
Der erwähnte Flur stieß gradeaus auf eine gleichfalls düstere, überaus winzige, aber unabwendbar nötige Örtlichkeit, die mangels Ventilationsmöglichkeit sehr geschont wurde, d. h. nur für die Eltern und „dringendste“ Fälle bestimmt war. Allwöchentlich erschien eine ältliche Frau mit langherabwallendem Umhang; er verbarg ein Tragegestell mit zwei Eimern, deren einer gegen den unsrigen ausgewechselt wurde. Wir Kinder mußten die stark gewendelte Hintertreppe hinunter zu einem nicht auf Abtragung, sondern auf Absaugung eingerichteten Ruhesitz. Es waren keine schönen Stunden, wenn wir den Ozonbedarf unserer Hinterräume an Reinigungstagen von dem sich gar zu langsam wieder zurecht ventilierenden Eckhaushof beziehen mußten. Auch die Vordertreppe war, allerdings weniger steil, gewendelt und auffällig dunkel; am meisten an ihrer auf den Hausflur mündenden Stelle, wo undankbare oder verwöhnte Handwerksburschen und Bettler sich der imbelegten oder gar nur dünn gestrichenen Butterbrote wieder zu entledigen pflegten. Die Miete für die im großen und ganzen gut bürgerlich wirkende Woh-
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