Heft 
(1978) 27
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namender medizinische Apoll. Emanuel Geibel, der aus Lübeck stammte und im Tunnel aus seiner Dichtung ..Sigurds Brautfahrt gelesen hatte, hieß im Tunnel nicht nur Bertran de Born, sondern zusätzlich ..der Sigurd aus Lübeck.

Wie bei Geibel, so hat auch in anderen Fällen die hauptsächliche oder die besonders beeindruckende literarische Leistung bei der Formulierung des humoristischen Beinamens den Ausschlag gegeben. Fontane hatte im Tunnel viele englisch-schottische Balalden vorgetragen und den Stofl dazu vorwiegend aus Thomas Percys SammlungReliques of Ancient English Poetry geschöpft und hieß deshalbDer Helden Percy-Büchse. Ludwig Lesser dagegen, den dilletantischen Lyriker, der den Tunnel- Namen Petrarca führte, nannte man zusätzlichden Auflaurer, weil er wie Petrarca seine Laura andichtete. Die besondere Leistung konnte auch auf einem anderen Gebiet als auf dem der schönen Literatur liegen: so wurde dem Kreuz-Zeitungs-Journalisten und Verfasser historischer Romane, George Hesekiel, in seinem humoristischen Beinamen (Omnem historiam secum portans) umfassende Geschichtskenntnis bescheinigt. Schließlich mag das Beispiel Louis Schneiders zeigen, daß diese Beinamen auch an eine Einzelheit anknüpfen konnten und später, als man davon nichts mehr wußte, der Umdeutung ausgesetzt waren. Schneider hatte den Tunnel-Namen Campe erhalten, weil Schneider wie Campe (mit seiner später so weit verbreiteten Robinson-Bearbeitung) zur Populari­sierung von Defoes Werk beigetragen hatte. Schneider war nämlich in dem französischen MelodramaRobinson Crusoe aufgetreten, das die Berliner Schauspielerin Sophie Friederike Krickeberg übersetzt hatte und das zuerst am 11. November 1827, also gut drei Wochen vor Gründung des Tunnels, im Berliner Opernhaus aufgeführt worden war. Da nun Schneider darin die Rclle des Freitag gespielt hatte, so erhielt er im Tunnel den humoristischen Beinamender Karaibe. Fontane, der sich an diesen Anlaß wohl nicht mehr erinnern konnte, hat eine andere was die Haltung Schneiders angeht, nicht unberechtigte Deutung gegeben, indem er berichtete, Schneider seiin seiner mit Trivialitäten ausgestatteten, breitprosaischen Väterlichkeit ganz derRobinson- Cruso e-Campe gewesen,wenn er aber in ein mehr oder weniger erkünsteltes Feuer geriet und dabei die gewagtesten seiner Sätze durch immer neue Ungeheuerlichkeiten übertrumpfte, so war er ganz ,Karaibe, will sagenwilder Mann. Bei der Bezeichnungwilder Mann hat Fontane wahrscheinlich auch an den fanatischen Monarchisten Schneider gedacht. Dennoch war Fontanes Erklärung nur in metaphorischen Sinne richtig.

Auch hier gab es eine einfache Methode, einen humoristischen Beinamen zu finden, nämlich die, den bürgerlichen Namen und den Beruf des Mitgliedes in spielerische Beziehung zu setzen, so daß der Maler und Kulturhistoriker Hermann Weiß, mit Tunnel-Namen Salvator Rosa, den zusätzlichen Beinamender weiße Altertümler erhielt.

Dieses Sich-Verstecken hinter fremden Namen und seltsamen Bezeich­nungen hatte zweifellos seine gute Berechtigung. Man wäre anders über

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