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Die gesamte Tätigkeit des Vereins war durch seine Statuten geregelt, deren zweite Fassung am 8. April 1835 erlassen wurde.
In den Statuten war auch festgelegt, was mit den Hinterlassenschaften des Tunnels, zumal mit seinem Archiv, nach seinem Erlöschen geschehen sollte (§§ 127—130). Der Verein hatte für diesen Fall das preußische Kultusministerium bzw. die Berliner Universität als Erben eingesetzt. Die letzte Sitzung des Vereins, von der ein Protokoll vorliegt, fand am 30. Oktober 1898 statt, also gut einen Monat nach Fontanes Tod, der damals freilich seit dreiunddreißig Jahren dem Tunnel nicht mehr angehörte. Jedoch erst 1912 konnte die Berliner Universität, die heutige Humboldt-Universität, das Archiv und den Restbestand der Bibliothek des Tunnels übernehmen. Sie überwies beides ihrer Universitätsbibliothek, in der der Nachlaß des Tunnels noch heute aufbewahrt wird.
Politische Orientierung und literarische Leistung des Tunnels
Die Entstehung des Tunnels fiel in eine Zeit, da Deutschland und namentlich Preußen unter dem Druck der Heiligen Allianz litten und die politische Herrschaft der alten Mächte des Feudalismus vorerst ungebrochen war. Als der Tunnel 1827 gegründet wurde, waren acht Jahre seit dem Einsetzen der „Demagogen“-Verfolgungen (1819) vergangen. Acht Jahre nach seiner Begründung wurde das Junge Deutschland verboten (1835). Das Zirkular an die preußischen Oberpräsidenten, das das Verbot des Jungen Deutschland betraf, unterschrieb der preußische Justizminister Heinrich Gottlob von Mühler, der Vater Heinijch von Mühlers, der in den dreißiger Jahren als junger Assessor ein eifriges Tunnel-Mitglied war.
Wenn sich in dieser Zeit des Vormärz Adlige und Bürgerliche im Tunnel zusammenfanden, um sich literarisch zu betätigen, so wichen sie damit in eine freilich nur scheinbar unpolitische, aber private Sphäre aus, in der sie ein bescheidenes Betätigungsfeld zu finden hofften, da den meisten von ihnen die öffentliche politische Wirksamkeit versagt war. So wie das lebhafte, manchmal hektische Interesse am Theater, das Saphir mit grellen Mitteln anzustacheln gewußt hatte, ein Fluchtweg war, ein Ersatz für die verwehrte Teilnahme am politischen Leben, so war auch das Wirken solcher literarischen Vereine ein Refugium, dessen thematischer Spielraum notwendiger Weise begrenzt blieb. Die Folge davon war, daß der Tunnel anfangs nur Dilletanten, Anfänger und Geister minderen Ranges anzog. Daher sind, von Moritz Gottlieb Saphir und Lous Schneider abgesehen, die Begründer des Vereins heute vergessen, wenngleich das Archiv des Tunnels ihre Namen bewahrt.
Aber auch die meisten von den Mitgliedern, die in den dreißiger Jahren und zu Beginn der vierziger Jahre, also bevor Fontane 1844 eintrat, im Tunnel eine Rolle spielten und zum Teil auch noch zu Fontanes Zeit agierten, kennt heute nur noch der Literaturwissenschaftler, der diese Periode der deutschen Literatur oder des literarischen Lebens in Berlin eingehend erforscht. Da begegnen Namen wie Ludwig Lesser, Edmund
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