In dieser Periode seiner Tätigkeit, zwischen 1840 und 1860, hat der Tunnel seinen Dilletantismus vorübergehend und teilweise zurückgedrängt, ohne daß es ihm jedoch je geglückt wäre, sich völlig davon zu befreien. Darum haben etliche von seinen tüchtigsten Mitgliedern auf die Dauer keine Heimstätte im Tunnel gefunden, sondern sind über ihn hinausgewachsen und haben ihre wesentlichen Leistungen erbracht, als sie dem Verein längst nicht mehr angehörten. Das gilt nicht nur für Heyse und Storm, sondern auch für Fontane. Dagegen waren die langjährigen und rührigen Mitglieder wie Louis Schneider, L. Lesser, H. Smidt, B. von Lepel und W. von Merckel nicht gerade seine besten Köpfe. Wir haben also keine Berechtigung anzunehmen, daß der Verein unter dem Einfluß weniger bedeutender Talente sich auf der ganzen Linie auf ein hohes Niveau erhoben hätte. Denn letztlich blieben Fontane, Heyse und Storni ini Tunnel Ausnahmen.
Überhaupt gaben im Verein nicht die Schriftsteller und bildenden Künstler den Ton an, sondern jene Mehrheit von Offizieren, Beamten und Angehörigen anderer Berufe, die nur nebenher „dichteten“, aber als „arbeitende“ Mitglieder galten. Sie bildeten das Gros des Tunnels.
Die zweihundertvierzehn Mitglieder, die sich aus den im Archiv vorhandenen Unterlagen heute noch nachweisen lassen und von denen ca. einhundertfünfzig zwischen 1827 und 1860 eingetreten sind, gehörten
folgenden Berufen an:
Schriftsteller, Journalisten, bildende Künstler 63
Offiziere 27
Beamte und Juristen 38
Professoren, Lehrer, Pfarrer, Ärzte, Ingenieure 33
Kaufleute, Verleger, Buchhändler 15
Gutsbesitzer 3
Handwerker 1
Andere Berufe 3
Studenten 5
Ohne Beruf 4
Ohne nähere Angaben 22
Der Literarische Sonntags-Verein war also beileibe keine Dichtergesellschaft, obschon er sich durch Fontanes Mund im Jahresbericht von 1853 so bezeichnen ließ, sondern ein Verein von literarisch Interessierten, der auch einige Dichter und Künstler anzuziehen gewußt hatte. Er war, nach FontanesWorten, „an vielen Sonntagen nichts weiter als ein Rauch- und Kaffessalon, darin, während Kellner auf und ab gingen, etwas Beliebiges vorgelesen wurde“. Und wenn Fontane auch in „Von Zwanzig bis Dreißig“, woraus dieses Zitat entnommen ist, an anderer Stelle davon spricht, der Tunnel habe sich, als er die erste Phase des schalen Saphirischen Witzes überwunden hatte, „aus einem Vereine dichtender Dilletanten in einen wirklichen Dichterverein umgewandelt“,so setzt er doch sogleich hinzu: „Auch jetzt noch, trotz dieser Umwandlung, herrschten .Amateurs* vor, gehörten aber doch meistens jener höheren Ordnung
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