an, wo das Spielen mit der Kunst entweder in die wirkliche Kunst übergeht oder aber durch entgegenkommendes Verständnis ihr oft besser dient als der fachmäßige Betrieb.“ Damit schränkt Fontane indes das wohlwollend und aus liebgewordener Erinnerung entworfene Bild des Tunnels als eines „wirklichen Dichtervereins“ praktisch auf eine im Tunnel tätige Minderheit ein.
Der Dilletantismus des Tunnels wurde, wie gesagt, letztlich getragen und genährt von dem Konservatismus, der die politische Grundhaltung des Vereins bestimmte und der mit einer Tendenz zur Abkapselung verbunden war.
Bereits die Tatsache, daß preußische Offnziere und Beamte, von denen es übrigens vier später bis zum General und zwei bis zum preußischen Minister gebracht haben, die stärkste Gruppe im Tunnel bildeten und daß dem Verein ein einziger Handwerker, aber kein Arbeiter angehört hat, läßt uns vermuten, daß der Tunnel nicht gerade ein liberaler oder bürgerlich-demokratischer literarischer Verein war. Man braucht jedoch nur Fontanes Sitzungsprotokolle heranzuziehen, um bewiesen zu finden, daß sich der Tunnel selbst als konservativ und preußisch-loyal empfand, schon den Anschein revolutionärer Einstellung mied und sogar ausgesprochenen Wert darauf legte, konservativ genannt zu werden.
Daher schreibt Fontane in „Von Zwanzig bis Dreißig“ mit Recht: „Im ganzen war der Tunnel, trotz seines gelegentlich stark hervortretenden Freisinns, doch von jener altpreußischen Art, darin der Konservatismus in erster Reihe mitspricht, und so hörte man denn bald [d. h. nach Heyses Weggang] wieder lieber von Hohenfriedberg und dem Zietenritt, von Ligny und Waterloo.“ Es will nicht recht zu dieser Feststellung passen, daß Fontane in demselben Werk an anderer Stelle den Tunnel-Mitgliedern eine „im wesentlichen auf das nationalliberale Programm hinauslaufende Gesinnung“ zuschreibt (Hesekiel-Kapitel) oder gar von Louis Schneider und dem Tunnel behauptet: „Beide, Schneider und der Tunnel, waren im wesentlichen liberal mit Anlehnung an Rußland“. Fontane selbst muß zugeben, daß das ein „Unding“, d. h. ein Widerspruch war. Wenn er den Widerspruch zu erklären versucht, so geschieht es aus der Perspektive später Erinnerung, die unbewußt oder absichtlich beschönigt. Die zeitgenössischen Dokumente, vorab Fontanes eigene Tunnel-Protokolle, sprechen eine andere Sprache.
Denn wenn auch das demokratische Prinzip der Stimmenmehrheit bei der Regelung von Vereinsangelegenheiten angewandt wurde und ein liberaler Schriftsteller wie Rudolf Löwenstein lange Jahre Mitglied des Tunnels war, so kann doch nicht übersehen werden, daß nicht Löwenstein, sondern konservative Mitglieder wie Louis Schneider, durch den der Tunnel gleichsam mit dem preußischen Königshof verbunden war, Wilhelm von Merckel oder der Kreuzzeitungs-Joumalist George Hesekiel die politische Haltung'des Vereins bestimmten. Ihren Widerstand erfuhren z. B. Fontane, als er im Tunnel Gedichte ä la Herwegh vortrug, u. a. „Jung-Emmy“ (1846), oder Rudolf Löwenstein, als er, wie erwähnt, 1844 seine „Freifrau von Droste Vischering“ las. Die Protokolle, die von der
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