Heft 
(1980) 31
Seite
584
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Ein großer Teil des Romans besteht aus solchen musikalischen Sätzen, die nie weitschweifig, sondern immer inhaltsreich und voller Fassungsver­mögen sind.

III

Irrungen, Wirrungen ist vor allem als ein im Ganzen genommen gelun­gener Versuch Fontanes, einenBerliner Roman zu schaffen, von Be­deutung. Am gelungensten erscheinen die Vertreter des einfachen Volkes, die unteren Schichten der Hauptstadt des deutschen Kaiserreichs, die in vieler Hinsicht den Vertretern der privilegierten Stände überlegen sind. Doch obgleich mitStine undIrrungen, Wirrungen die Kritik in Fon­tanes Schaffen zunimmt, sind doch die frühen sozialen Romane, und darunter auchIrrungen, Wirrungen, nicht ohne gewisse Unzulänglich­keiten, die durch die Unklarheit der politischen Ansichten und Sympa­thien des Schriftstellers, durch die Idealisierung des Adels bedingt sind. Diese unzureichende Akzentuierung von Plus und Minus vermindert insbesondere das Entlarvungsmoment inIrrungen, Wirrungen. Im Sujet kommt mitunter Unreales vor; der Autor führt nicht immer überzeugende Motive an, durch die die Helden in diese oder jene Situation geraten. Manchmal gibt Fontane anstelle einer psychologischen Analyse ein trocke­nes Protokoll der Ereignisse und richtet die Aufmerksamkeit darauf, was geschieht, und nicht, wie es geschieht. Ungenügend motiviert ist z. B. Lenes Heirat mit Gideon Franke; der Ausgang des Romans überzeugt nicht genug. Auch die Komposition des Romans ist mangelhaft. Diese Fehler werden in Fontanes folgenden Romanen nach und nach ausgeräumt, und sein Realismus wird in Werken wieMathilde Möhring,Frau Jenny Treibei, Die Poggenpuhls undEffi Briest immer reifer. Ihr kritischer Gehalt räumt ihnen einen bedeutenden Platz in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts ein.

Anmerkungen

l Vgl. Herbert Roch, Fontane, Berlin und das 19. Jahrhundert. Berlin-Schöneberg 1962, S. 229.

2 Vgl. ebenda, S. 237.

3 Vgl. Heinrich Splero, Geschichte des deutschen Romans, Berlin 1950, S. 370.

4 Zitiert nach: Theodor Fontane, Sämtliche Werke, München: Nymphenburger Verlagshandlung, Band XXI/2: Literarische Essays und Studien, 1974, S. 653.

5 Vgl. ebenda, S. 653 f.

6 Vgl. Theodor Fontane, Romane und Erzählungen in acht Bänden, Berlin und Weimar 1969, Band 5, S. 51.

7 Vgl. ebenda, S. 95.

8 Vgl. Else Croner, Fontanes Frauengestalten, Berlin 1906, S. 90.

9 Vgl. ebenda, S. 89.

10 Vgl. Theodor Fontane, Romane und Erzählungen in acht Bänden, a. a. O.,

S. 34-35.

11 Vgl. Fontanes Briefe in zwei Bänden, Berlin und Weimar 1968, Band 2 , S. 168.

12 Vgl. Theodor Fontane, Romane und Erzählungen in acht Bänden, a. a. O., S. 7.

13 Vgl. ebenda, S. 91 f.

14 Vgl. ebenda, S. 98.