propper,“ manifestiert. Die Übereinstimmungen gehen noch weiter. Eine Aufräumefrau, ein Portier und ein begrenzter Bekanntenkreis weisen auf die soziale Situation der Möhrings hin. Ein schwadronierender Alter, dem General Poggenpuhl funktionell vergleichbar, und der Schauspieler gewordene adlige Student, der seine geistige Verwandtschaft mit „Herrn Manfred“ nicht verleugnet, stellen weitere soziale und ideologische Beziehungen her. Auch die harmlosen Vergnügungen, die das Berliner Leben bietet, entsprechen etwa den Großstadtvergnügungen der Poggenpuhls. Schließlich fehlen auch nicht die jüdischen Bourgeois-Gestalten Silberstein und Isenthal und die schöne Rebekka, „sehr reelle Leute, fortschrittlich“, obgleich sie in keinem sozialpsychologischen Spannungsverhältnis zu den Möhrings stehen.
Die Unterschiede sind freilich bedeutend, weisen jedoch auf gemeinsame Züge in der Problematik und im ideologischen Gehalt hin. Der Hauptunterschied besteht darin, daß Mathilde ihre Heiratspläne zielbewußt verwirklicht. Indem sie Hugo Großmann durchs Examen bringt und zum Woldensteiner Bürgermeister macht, verwirklicht sie ihren Traum vom gesellschaftlichen Aufstieg. Es wäre nicht ausgeschlossen gewesen, daß Hugos Karriere, wäre er nicht gestorben, dank Mathildes Intelligenz und Tatkraft über das Woldensteiner Amt hätte hinausgelangen können. Immerhin hinterläßt Großmann neben dem begehrten Titel eine Pension, die die Rente des Vaters übertrifft, jedoch nicht ausreicht, die Rückkehr in die Georgenstraße zu verhindern. Indessen wird man nicht allzu sehr sparen müssen, zumal Hilde ihr Schicksal mit gewohnter Energie in die Hand nimmt und Lehrerin wird. Gerade hierin überschreitet sie die Grenzen, die den Poggenpuhlschen Mädchen gezogen sind.
Im Urteil des Rechnungsrates Schultze wird der handlungsbestimmende Widerspruch erkennbar zwischen der kleinbürgerlichen Reputation und dem sozial-kulturellen Auftreten der Möhrings einerseits und den sozialen Lebensbedingungen, die sie zu Einschränkungen und Dienstleistungen zwingen. Letztere widersprechen dem, was sie nach außen hin an kleinbürgerlicher Korrektheit, Artigkeit und „Bildung“ zur Schau tragen. Dieser Widerspruch wird von ihnen deutlich empfungen, nur daß Mutter und Tochter unterschiedlich darauf reagieren. Gegen den ängstlichen Kleinmut der Mutter ist Mathilde darauf bedacht, den Anschein eines kleinbürgerlichen Standards zu wahren und in ihrem Verhalten zu dokumentieren. Die psychologischen Quellen dieser Haltung sind Mathildes Energie, ihr guter Geschmack, ihre Intelligenz und ihr berechtigtes Selbstvertrauen. Die darauf beruhende Fähigkeit, ihre Chancen, ihr Verhalten und ihre taktischen Schritte zu berechnen, macht sie der Mutter, dem Manne und später auch den Woldensteinern überlegen.
Mathildes Berechnungen sind egoistisch, lassen aber die Interessen der Mutter und des Mannes nicht außer acht. Sie sind kleinbürgerlich und karrieristisch begrenzt, aber nicht immer kleinlich. Wie sie Hugo Großmann abwechselnd kurz hält und dann wieder seine Vergnügungsansprüche erfüllt, wie sie spart und dann wiederum ein Fest zu arrangieren vermag, das eigentlich über ihre „Verhältnisse“ geht, das alles ist Bestand-
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