teil eines taktischen Kalküls, das übrigens auch ihr erotisches Verhalten bestimmt.
So ist Mathilde in allen ihren Reaktionen, Motivationen und Einstellungen die vollkommene Kleinbürgerin, die etwas ist und wenig hat, die den Anschein erregen will, mehr zu sein und mehr zu haben. Sie setzt alles ein, den Widerspruch zwischen ihren menschlich-sozialen Ansprüchen und dem durch die kleinen Verhältnisse diktierten Sein durch soziales Emporkommen zu lösen. Damit ist das Motiv zur Heirat fixiert. Voller Stolz zieht sie am Ende die Woldensteiner Bilanz: Was der Adel auf dem Lande sei, das seien die Honoratioren in der Stadt. „Und das sind wir.“ 1 Mathildes Gesinnungsarmut offenbart sich besonders kraß an ihrem Verhältnis zur Runtschen, die sachlich, nicht aber menschlich eine ähnliche Funktion hat wie Friederike bei den Poggenpuhls. Die ewig ängstliche Mutter warnt denn auch, daß Hochmut vor dem Fall komme. Tatsächlich wird es bezeidmenderweise die Runtschen sein, der Mathilde als erster begegnet, als sie als Witwe in die Georgenstraße zurückkehrt.
Ein eigenartiges Licht setzt Fontane Mathildes Bild auf, als er dem alten polnischen Grafen Goschin Gelegenheit gibt, ihr seine merkwürdigen Bekenntnisse über „sehr freie Bewegung“ und gegen „falsche Verschämung“ vorzutragen. Die „Escapade“ in „Plutos Unterwelt“ erinnert sowohl an jene „romantische Escapade“, die Holk und Ebba von Rosenberg in „Unwiederbringlich“ miteinander hatten, als auch an Effis Schloon-Erlebnis' mit Crampas. Die Bezüge werden überdeutlich, als Goschin sein zweideutiges Lob mit dem Effi-Zitat abschließt, den Kopf werde es ja wohl nicht kosten. In dieser für Mathilde so ganz und gar unangemessenen Beziehung zur aristokratischen Lebewelt klingt aber auch der Kontrakt an, den Graf Petöfy der norddeutsch-protestantischen Schauspielerin Franziska angebo- ten hatte. Nach Hugos Tod nämlich trägt Graf Goschin der überraschten Mathilde eine Stellung als Hausdame, natürlich „mit Gehalt“ — an, die sie mit Rücksicht auf ihren Ruf ablehnt, übrigens sehr zum Verdruß der alten Möhring, die sich in diesem Falle um die Nachrede der Leute nicht gekümmert hätte; denn „wenn man was hat, dann is es gleich“. 2
Mathilde ist, was das Schönheitliche angeht, „ganz ohne Reiz“. Der Erzähler weist geradezu boshaft pedantisch auf den prosaischen Glanz ihres „Blechblicks“ hin und auf ihre geringen Liebeschancen, „wenn sich nidit jemand fand, dem das Profil über alles ging“. 3 Begreiflich, daß Mathilde nicht wartet, sondern, ausgestattet mit „scharfen Augen“ und viel Menschenkenntnis, die Dinge selbst in die Hand nimmt, sorgsam jeden ihrer Schritte berechnet und in ihr Kalkül auch noch den guten Ruf einbezieht. Nach dem hoffnungsvollen Theaterverlauf kommt für Mathilde die eigentlich große Stunde, als Hugo an den Masern erkrankt. Geradezu enthusiastisch erklärt sie der Mutter: „Aber du sollst sehn, ich rechne richtig.“ 4 Die Pflege und die fast schon beutegierige Betreuung während der Rekonvaleszenz rechtfertigt sie phrasenlos und nüchtern: „Wer was will, der muß auch was einsetzen. Er sieht dann, daß wir ihm unser Bestes geben, und wie ich ihn kenne, wird ihn das rühren, denn er hat was Edles, das heißt so auf seine Art. Zuviel darf man von ihm nich verlangen:“ 5
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