Heft 
(1983) 35
Seite
333
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Eine Woche vor Weihnachten ist es Hugo klar, daß Thilde die passende Frau für ihn sei.Sie hatte grade das, was ihm fehlte, war quick, findig, praktisch. Nun gibt Mathilde zwar, alle sentimentalen Schwärmereien über den Mond entschieden abbrechend, ihr Ja, doch stellt sie sogleich ihre sozialen Bedingungen. Das ist in freilich schnöder Nüchternheit und auf Kleinbürgerformat herabgesetzt dasselbe, was die Poggenpuhlschen Töchter sich selbst schuldig zu sein glaubten und was Manon von Leo er­wartete. Die Einformung ins Kleinbürgerlich-Triviale geht aber noch weiter:Ich rechne darauf, fährt Thilde fort,daß du mir durch Arbeit den Beweis deiner Liebe gibst. Das heißt: Erst das Examen, dann alles andere.Da will ich schon sorgen. Wieder rufen die berechnende Lieb­losigkeit und der Anflug einer kargen Zärtlichkeit ein Echo hervor, das der Erzähler als groteske Fehlleistung zu erkennen gibt. .Alles an ihr ist so mädchenhaft, sagte Hugo. 8 Aus Klugheit unterläßt sie es schließlich, nach der Verlobung ihremnatürlichen Gefühle zu folgen und gleich am ersten Feiertag mit Hugo das Zukunftsprogramm zu schmieden. Statt- dessen bewilligt sie ihm eine Woche Weihnachtsferien und regt ihn sogar zu kleinen Vergnügungen an, damit er sehe,wie gut ers auch im Behag­lichen getroffen habe ... Am Ende dieser Ferienwoche wollte sie dann mit der Prosa herausrücken. 7 Tatsächlich nimmt sie ihn am Neujahrstag ins Gebet und zwingt ihn von da an zu regelmäßigen Repetitorien, auch hier­bei klug bedacht auf seine geringeTragkraft. Nach dem recht und schlecht bestandenen Referendarexamen verschafft sie ihm die Wolden- steiner Bürgermeisterstelle, heiratet ihn und bricht noch am selben Abend nach Westpreußen auf.Woldenstein ist jetzt die Karte, drauf wir setzen müssen. 3

Als Bürgermeister gewinnt Hugo rasch die Herzen. Sie aber ist es, die die Taktik für die Ratssitzungen empfiehlt, die die Initiative für prestigegeför- dernde Neuerungen ergreift bis hin zu dem Vorschlag, eine Garnison nach Woldenstein zu ziehen, um aus dem Nest eine Stadt zu machen. Vor allem lenkt sie ihren Mann vomkleinen Zeug des bürokratischen Alltags auf denAusblick, auf dasGanze, auf dieIdeen. Am Ende bringt sie sogar das politische Kunststück fertig, es denFortschrittlichen und der polnisch-katholischen Partei gleichermaßen recht zu machen und überdies durch eine fragwürdige Manipulation beim konservativen Landrat, der oben persona gratissima ist, das Eis zu brechen. Den wachsenden Er­folgen bei allen Parteien trägt Mathilde bald auch äußerlich Rech­nung, indem sie sichzu einer gewissen Koketterie bequemte und auf Hugo einen gewissen Frauenreiz auszuüben sucht. 9 Sie hat das irgend Mögliche erreicht: Sie gehört zu den Honoratioren, siegehört dazu.

Hugos Tod stellt sie vor veränderte Tatsachen. Sie überrechnet die Wit­wenpension, die Gehaltszahlung bis zum Jahresschluß, die Erträge der Möbelversteigerung und die künftige Finanzlage für sich selbst und die Mutter. Unmittelbar nach ihrer Ankunft in Berlin ist sie imstande, sich der neuen Lebenslage anzupassen. Das erste Gespräch mit der Mutter und die für die Möhringsche Wohnung so charakteristischen Zuckerkrümel auf dem Frühstückstisch bringen ihr die neuen Lebensumstände vollständig