Eine Woche vor Weihnachten ist es Hugo klar, daß Thilde die passende Frau für ihn sei. „Sie hatte grade das, was ihm fehlte, war quick, findig, praktisch.“ Nun gibt Mathilde zwar, alle sentimentalen Schwärmereien über den Mond entschieden abbrechend, ihr Ja, doch stellt sie sogleich ihre sozialen Bedingungen. Das ist — in freilich schnöder Nüchternheit und auf Kleinbürgerformat herabgesetzt — dasselbe, was die Poggenpuhlschen Töchter sich selbst schuldig zu sein glaubten und was Manon von Leo erwartete. Die Einformung ins Kleinbürgerlich-Triviale geht aber noch weiter: „Ich rechne darauf,“ fährt Thilde fort, „daß du mir durch Arbeit den Beweis deiner Liebe gibst.“ Das heißt: Erst das Examen, dann alles andere. „Da will ich schon sorgen.“ Wieder rufen die berechnende Lieblosigkeit und der Anflug einer kargen Zärtlichkeit ein Echo hervor, das der Erzähler als groteske Fehlleistung zu erkennen gibt. .„Alles an ihr ist so mädchenhaft“, sagte Hugo.“ 8 Aus Klugheit unterläßt sie es schließlich, nach der Verlobung ihrem „natürlichen Gefühle“ zu folgen und gleich am ersten Feiertag mit Hugo das Zukunftsprogramm zu schmieden. Statt- dessen bewilligt sie ihm eine Woche Weihnachtsferien und regt ihn sogar zu kleinen Vergnügungen an, damit er sehe, „wie gut er’s auch im Behaglichen getroffen habe ... Am Ende dieser Ferienwoche wollte sie dann mit der Prosa herausrücken“. 7 Tatsächlich nimmt sie ihn am Neujahrstag ins Gebet und zwingt ihn von da an zu regelmäßigen Repetitorien, auch hierbei klug bedacht auf seine geringe „Tragkraft“. Nach dem recht und schlecht bestandenen Referendarexamen verschafft sie ihm die Wolden- steiner Bürgermeisterstelle, heiratet ihn und bricht noch am selben Abend nach Westpreußen auf. „Woldenstein ist jetzt die Karte, drauf wir setzen müssen.“ 3
Als Bürgermeister gewinnt Hugo rasch die Herzen. Sie aber ist es, die die Taktik für die Ratssitzungen empfiehlt, die die Initiative für prestigegeför- dernde Neuerungen ergreift bis hin zu dem Vorschlag, eine Garnison nach Woldenstein zu ziehen, um aus dem Nest eine Stadt zu machen. Vor allem lenkt sie ihren Mann vom „kleinen Zeug“ des bürokratischen Alltags auf den „Ausblick“, auf das „Ganze“, auf die „Ideen“. Am Ende bringt sie sogar das politische Kunststück fertig, es den „Fortschrittlichen“ und der polnisch-katholischen Partei gleichermaßen recht zu machen und überdies durch eine fragwürdige Manipulation beim konservativen Landrat, der „oben“ persona gratissima ist, das Eis zu brechen. Den wachsenden Erfolgen bei allen Parteien trägt Mathilde bald auch äußerlich Rechnung, indem sie sich „zu einer gewissen Koketterie bequemte und auf Hugo einen gewissen Frauenreiz“ auszuüben sucht. 9 Sie hat das irgend Mögliche erreicht: Sie gehört zu den Honoratioren, sie „gehört dazu“.
Hugos Tod stellt sie vor veränderte Tatsachen. Sie überrechnet die Witwenpension, die Gehaltszahlung bis zum Jahresschluß, die Erträge der Möbelversteigerung und die künftige Finanzlage für sich selbst und die Mutter. Unmittelbar nach ihrer Ankunft in Berlin ist sie imstande, sich der neuen Lebenslage anzupassen. Das erste Gespräch mit der Mutter und die für die Möhringsche Wohnung so charakteristischen Zuckerkrümel auf dem Frühstückstisch bringen ihr die neuen Lebensumstände vollständig