zum Bewußtsein. „In den vier Krümeln hatte sie nun wieder ihr Leben, und die Mutter, die noch kein Wort von dem armen guten Mann gesprochen hatte, rechnete schon wieder, was es gekostet habe. So nüchtern sie selber war, das war ihr doch zuviel .“ 10 Beim Anblick von Hugos ehemaligem Zimmer überfällt sie die Selbsterkenntnis: Immer habe sie sich ihm überlegen geglaubt. Aber es war nicht so. Keineswegs sei das ewige Rechnen das klügste. „Von den andren, zu denen Hugo gehörte, hat man doch mehr.“ und sie wolle versuchen, daß sie davon ein bißchen „wegkriege“. Viel werde das allerdings nicht helfen. Denn „von Natur“ sei sie geradeso wie die Mutter, berechnend immer, „was es kostet, und ich rechne mir den Vorteil aus “. 11
Mathildes Einsicht, daß Hugo mehr Einfluß auf sie gehabt habe als sie auf ihn, ist keine entscheidende Wandlung, aber doch der mögliche Beginn einer neuen Lebenseinstellung. Ihre Fähigkeit des „Sichanpassens, des Sichhineinfindens in die jedesmal gegebene Lage“ ist widersprüchlich zu bewerten. Daß diese Fähigkeit immerhin die Möglichkeit eines weniger nüchternen Rechnens offen läßt, scheint der Erzähler anzudeuten, wenn er präzisiert: „Es handelte sich für sie keinen Augenblick darum, ihre Situation in irgendein Gegenteil zu verkehren, sondern nur darum, aus der Situation, wie sie nun mal war, das Beste zu machen, und dies tat sie voll Überlegung und auf ihre Weise, rücksichtsvoll und doch auch wieder entschieden .“ 12 Das Ergebnis ihrer Tatkraft ist ein glänzend bestandenes Lehrerinnenexamen, das die Mutter übrigens sozial nicht allzu hoch einschätzt. Sie erhält eine Stelle in Berlin N, lebt auf und rechtfertigt das Vertrauen der Schuldeputation. Die Fähigkeit, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, die Selbstverständlichkeit, mit der sich Mathilde, den Durchschnitt kleinbürgerlicher Frauen überragend, beruflich emanzipiert und den Gedanken einer Versorgungsehe hintanstellt, imponieren und söhnen ein wenig mit dem nüchtern berechnenden Taktieren aus. Sie bleibt in ihrer partiellen Emanzipiertheit die auf Vorteile, auf herkömmliche Formen, Religion und soziale Prestigeansprüche bedachte Kleinbürgerin. Das Alternativerlebnis Hugo Großmann macht ihr das auch bewußt.
Hugo ist von vornherein kein Liebespartner, sondern wie seinerzeit Leopold Treibei einfach ein soziales Beutestück. Der schöne Mann mit dem Vollbart ist durch den Widerspruch zwischen seiner männlichen Erscheinung und der dahinter sich verbergenden Schwäche gekennzeichnet. Seine Trägheit, sein geringes Selbstvertrauen, seine geistige Durchschnittlichkeit ebnen Mathilde das Feld, bereiten aber auch die Sorge, ob er i h r Programm werde durchhalten können. Daß es bis zu seinem Tode über Erwarten gut geht, hängt mit einer Eigenschaft zusammen, auf die nachdrücklich hingewiesen sei. Hugo ist nämlich ein Ästhet und insofern ein kleinbürgerlicher Nachfahre des Schach von Wuthenow und vieler anderer Fontanescher Figuren, bei denen der ästhetische Bezug zum Leben alles Praktische zu verdrängen droht.
Der Erzähler führt Hugo ein, indem er ihn ein barockes Bild weiblicher Schönheit mustern läßt, und das erste, was er ihn im stillen sagen läßt,
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