ist ein literarisches Zitat. Was Hugo schließlich bewegt, das Zimmer bei den Möhrings zu mieten, ist ein ästhetisches Motiv, nämlich die Beobachtung, daß die beiden Dinge fehlten, gegen die er eine tiefe Abneigung hatte, Öldruckbilder und Antemakassars. Die zu erwartenden Bequemlichkeiten und die Versicherung, niemals durch Klavierspiel gestört zu werden, geben schließlich den Ausschlag. Auch seine Bibliothek ist aufschlußreich. Die juristischen Fachbücher sehen alle „so sonntäglich aus, als ob sie nicht viel gebraucht wären“, wogegen sein Schiller voller Lesezeichen und Eselsohren stecke, ganz zu schweigen von den vielen Anmerkungen, die seine „englischen“ Bücher füllen . 13
Hugos ästhetische Neigungen äußern sich vor allem in seiner Freundschaft mit Rybinski, der die Studien an den Nagel gehängt hat und Schauspieler geworden ist. Rybinskis erste Rolle ist bezeichnenderweise der Kosinsky aus Schillers „Die Räuber“. Hugo empfiehlt er den Karl Moor, für dessen Darstellung der Freund das „schwärmerisch Schwabblige“ und den dazu gehörenden „Brustton der Überzeugung“ mitbringe. Das Gespräch über „Die Räuber“ soll Hugo vor jeglichem „Liebesunsinn“ warnen, worunter Rybinski „Schlapperei, Bequemlichkeit, Hausschlüsselfrage“ und dergleichen versteht. Vielmehr möge Hugo eines Tages dort ankommen, wo Rybinski heute schon stehe. Inbegriff der „Gefahr“ aber ist in Rybinskis Augen Mathilde. Gerade wer seinen Lenau intus habe, brauche nur ein bißchen Mondschein, „so verklärt sich alles, und der Teich kann auch ’ne Stubendiele sein “. 11
Zu Hugos Lebensgewohnheiten gehört sein Hang zum Bummeln, zum „süßen Nichtstun“. In seiner Vergnügungslust, die durch eine „Tochter der Luft“ mächtig angeregt wird, spricht sich Genuß am naiven Zuschauen und am Hinter-die-Schule-Gehen aus. „So gewiß er sich für einen ästhetisch fühlenden und mit einer latenten Dichterkraft ausgerüsteten Menschen hielt, so war er im Leben selbst doch von großer Bescheidenheit, beinah demütig, und hatte kein rechtes Vertraun zu seinem Wissen und Können.“ Daher ist er auch nicht stark genug, die Rybinski-Wege einzu- schlagen, wenngleich die Verlockung groß ist. Er unterwirft sich vielmehr Mathildes Forderung nach hergebrachten Formen und also für die halbe Entscheidung, die ihm sein Vater vorgelebt hatte . 15 Hugos ästhetische Neigungen können sich nach der Verlobung nur noch heimlich betätigen, etwa im träumerischen Spiel mit „verwegenen Gedanken“ an die „Tochter der Luft“. „Es ist sonderbar“, reflektiert er, „daß mir alles Praktische so sehr widerstreitet. Man kann es eine Schwäche nennen, aber vielleicht ist es auch eine Stärke... Ich hätte doch wohl so was werden müssen, ausübender Künstler oder Luftschiffer oder irgendwas recht Phantastisches.“ Das sind beileibe keine Versuche, aus der vor gezeichneten Kleinbürgerexistenz auszubrechen. Es bleibt reines Gedankenspiel eines Lebensuntüchtigen, der im Grunde seines Herzens weiß, daß das „alles lächerlich ist“.* 1 ’ Daß Thilde angesichts dieser Sachlage alles Praktische in die Hand nehmen muß, billigt Hugo nach einigem Hin und Her. Mehr noch: „In seinem ästhetischen Sinn, der sich an Finessen erfreuen konnte, sah er mit einem gewissen künstlerischen Behagen auf die Methode, nach der Thilde ver-
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