Heft 
(1983) 35
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ist ein literarisches Zitat. Was Hugo schließlich bewegt, das Zimmer bei den Möhrings zu mieten, ist ein ästhetisches Motiv, nämlich die Beobach­tung, daß die beiden Dinge fehlten, gegen die er eine tiefe Abneigung hatte, Öldruckbilder und Antemakassars. Die zu erwartenden Bequem­lichkeiten und die Versicherung, niemals durch Klavierspiel gestört zu werden, geben schließlich den Ausschlag. Auch seine Bibliothek ist auf­schlußreich. Die juristischen Fachbücher sehen alleso sonntäglich aus, als ob sie nicht viel gebraucht wären, wogegen sein Schiller voller Lese­zeichen und Eselsohren stecke, ganz zu schweigen von den vielen An­merkungen, die seineenglischen Bücher füllen . 13

Hugos ästhetische Neigungen äußern sich vor allem in seiner Freund­schaft mit Rybinski, der die Studien an den Nagel gehängt hat und Schau­spieler geworden ist. Rybinskis erste Rolle ist bezeichnenderweise der Kosinsky aus SchillersDie Räuber. Hugo empfiehlt er den Karl Moor, für dessen Darstellung der Freund dasschwärmerisch Schwabblige und den dazu gehörendenBrustton der Überzeugung mitbringe. Das Ge­spräch überDie Räuber soll Hugo vor jeglichemLiebesunsinn warnen, worunter RybinskiSchlapperei, Bequemlichkeit, Hausschlüsselfrage und dergleichen versteht. Vielmehr möge Hugo eines Tages dort ankommen, wo Rybinski heute schon stehe. Inbegriff derGefahr aber ist in Ry­binskis Augen Mathilde. Gerade wer seinen Lenau intus habe, brauche nur ein bißchen Mondschein,so verklärt sich alles, und der Teich kann auchne Stubendiele sein. 11

Zu Hugos Lebensgewohnheiten gehört sein Hang zum Bummeln, zum süßen Nichtstun. In seiner Vergnügungslust, die durch eineTochter der Luft mächtig angeregt wird, spricht sich Genuß am naiven Zu­schauen und am Hinter-die-Schule-Gehen aus.So gewiß er sich für einen ästhetisch fühlenden und mit einer latenten Dichterkraft ausgerüsteten Menschen hielt, so war er im Leben selbst doch von großer Bescheidenheit, beinah demütig, und hatte kein rechtes Vertraun zu seinem Wissen und Können. Daher ist er auch nicht stark genug, die Rybinski-Wege einzu- schlagen, wenngleich die Verlockung groß ist. Er unterwirft sich vielmehr Mathildes Forderung nach hergebrachten Formen und also für die halbe Entscheidung, die ihm sein Vater vorgelebt hatte . 15 Hugos ästhetische Nei­gungen können sich nach der Verlobung nur noch heimlich betätigen, etwa im träumerischen Spiel mitverwegenen Gedanken an dieTochter der Luft.Es ist sonderbar, reflektiert er,daß mir alles Praktische so sehr widerstreitet. Man kann es eine Schwäche nennen, aber vielleicht ist es auch eine Stärke... Ich hätte doch wohl so was werden müssen, aus­übender Künstler oder Luftschiffer oder irgendwas recht Phantastisches. Das sind beileibe keine Versuche, aus der vor gezeichneten Kleinbürger­existenz auszubrechen. Es bleibt reines Gedankenspiel eines Lebensuntüch­tigen, der im Grunde seines Herzens weiß, daß dasalles lächerlich ist.* 1 Daß Thilde angesichts dieser Sachlage alles Praktische in die Hand neh­men muß, billigt Hugo nach einigem Hin und Her. Mehr noch:In seinem ästhetischen Sinn, der sich an Finessen erfreuen konnte, sah er mit einem gewissen künstlerischen Behagen auf die Methode, nach der Thilde ver-

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