Heft 
(1983) 35
Seite
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Königsberger Hartungschen Zeitung erscheint und in Woldenstein die Runde macht. Diese Korrespondenz feiert den Sieg derPersönlichkeit des Landrats über die politisch-religiösen Gegensätze. Dies Ende derNa- thanerei scheint den Silbersteins nichts auszumachen. Die geplante Eisen­bahnlinie, die eine bequeme Verbindung zur Weichsel hersteilen soll, er­regt die ökonomischen Interessen der bürgerlichen Fraktionen derart stark, daß dadurch diesonstigen politischen Überzeugungen unwichtig werden. Von Sozialdemokraten ist in Woldenstein keine Rede. Die Weihnachts­bescherung für Kinder armer Leute veranschaulicht das Funktionieren des eigenartigen sozialen Friedens. Die Landrätin, Mathilde und Rebekka Sil­berstein übernehmen gemeinsam die Leitung. Der offenbar unbequeme katholische Lehrer wird durch eine Gehaltszulage gewonnen. Und wenn­gleich sich der polnische Graf Goschin alsnicht sehr preußisch bezeich­net, scheint auch er mit der von Hugo vertretenen Beschwichtigungs- und Ausgleichpolitik einverstanden zu sein. Diese korrupte Eintracht äußert sich' am Ende auch an Hugos Grab. Der Adel aus der Umgebung ist ge­kommen, Prediger Lämmel hält die Rede, und sogar Silberstein spricht in einer Weise, daß der Pastor ihm zufrieden die Hand gibt.

.. us die Erzählsituation und die darin enthaltene Einheit von Darstellung und Wertung angeht, so gibt sich der Erzähler als der alles Arrangierende und Bewertende zu erkennen. Dies geschieht in ganz ungewöhnlicher Di­stanziertheit, sehr kühl, über weite Strecken boshaft und sogar grausam desillusionierend. Der Erzähler verbirgt fast nirgends seine analytisch­kritische Passion, die vor allem dann zutage tritt, wenn er auf komische Wirkungen aus ist. Die Klarheit des Problems, die Durchsichtigkeit des Handlungsaufbaus, die neuartige Sprödigkeit des Stils und der bohrende Scharfblick, der tief in die kleine Welt der Möhrings eindringt, zeugen von einer spürbaren Vereisung, gegen die das Poetische nur schwer an­kommt.

Knappheit und Kälte, welche die Diktion, die Syntax und den Erzähl­gestus prägen, entsprechen den vorherrschenden moralischen und sozialen Wertungen. Sie liegen größtenteils in der Darstellung selbst, machen sich aber ungewöhnlich häufig als ostentativ gestisches Hervortreten des Er­zählers bemerkbar. Das zeigt sich bereits am Eingangskapitel. In der Be­schreibung des Hauses Georgenstraße 19, die sich mit einem knappen Be­richt über den Hauswirt verbindet, dominiert der soziale Wertungsaspekt, und zwar bis in Einzelheiten der Architekturbeschreibung hinein. Der erste Abschnitt erfaßt in der Person des Rechnungsrates Schultze das Phä­nomen der Gründerspekulation und das Verhältnis des Neureichen zum ehemaligen Vorgesetzten. Bedeutsam ist neben dem Gesagten auch das Ungesagte, das der Leser zu ergänzen hat. Das Ungesagte enthält die Un­sicherheit des Bismarck-Kabinetts und vor allem den charakteristischen Widerspruch zwischen der sozialen Anmaßung des zum Rentier und Bourgeois gewordenen mittleren Beamten und dem Verzicht auf Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten. Der Widerspruch zwischen Anspruch und Lebensrealität des Neureichen wirkt komisch und enthält die sozial­psychologischen Grundlagen eines vorläufig noch unausgeführt bleibenden

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