Graf Petöfy von Theodor Fontane.
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führen zu hören. War Ihnen doch die ganze Suche von Anfang an nur ein Sport."
Egon biß sich auf die Lippen und sagte mit einem Tone, darin eine gewisse Schärfe lag: „Vielleicht." Aber rasch wieder einlenkend, fuhr er fort: „Ich begreife Sie nicht, Franziska. Welche Vorwürfe! Sie werden sich doch, Pardon, nicht auf das Gefühlvolle hin infzeniren wollen! Gerade Sie. Das ist ganz unmöglich. Ich möchte nicht gern über diesen Punkt eine Meinungsverschiedenheit oder auch nur Unklarheit zwischen uns herrschen sehen, und so lassen Sie mich Ihnen denn sagen, daß es in meinen Augen nichts Trivialeres gibt als Sentimentalitäten. Und darin, denk' ich, stimmen wir zusammen. Ich gönne dem Gesammthause Toldy sein Glück und sein Geschluchze, denn alle diese Menschen, die Weiber natürlich vorauf, haben eine merkwürdige Gabe, zu jeder ihnen beliebigen Zeit in einen Strom von Thränen ausbrechen zu können, aber offen gestanden, ich habe kein Vertrauen zu der Aufrichtigkeit und noch viel, viel weniger zu der Tiefe solcher Gefühls- effervescenz."
„Effervescenz!" wiederholte sie. „Welche Welt von Gleichgültigkeit drückt sich in diesem einen Fremdwort aus! Und diese Gleichgültigkeit haben Sie für das Höchste. Denn das ist es, wenigstens unter den irdischen Dingen. Ich kenne diese Leute, diese sogenannten ,Enterbten', und wenn ich mir nun ausmale, wie der alte Toldy das Kind in die Höhe hebt und es küßt und umhalst, und wie's dann reihum geht und Jeder es halten und wieder haben will, so wird es mir heiß und kalt um's Herz, und ich beklage geradezu, nicht Zeuge davon sein zu können. Wie leer ist Anderer Leben dagegen!"
„Anderer?"
„Oder sagen wir unserer, Ihres, meines. Ich habe nicht gelernt, aus meinem Herzen ein Geheimniß zu machen, und will es auch als Gräfin Petöfy nicht lernen."
„Ich erkenne Sie nicht wieder, Franziska."
„Weil Sie mich nie gekannt haben . . . Aber wir werden uns in Trab setzen müssen, Egon, oder wir verfehlen das Schiff."
Andras wurde herangerufen, um über die beste Richtung Auskunft zu geben, ehe er aber noch antworten konnte, hörten alle Drei schon das erste Läuten vom Dampfschiff her. „HUes!" und in einer rascheren Gangart ging es jetzt über einen Feldweg und gleich darnach in schräger Richtung über eine Wiese hin, um mit Hülse dieser Schräglinie die Hälfte des Weges abzuschneiden. Aber in der Mitte der Wiese war eine Sumpsstrecke, darin die Pferde sofort so tief einsanken, daß sie Kehrt machen und die Hauptstraße wieder aufsuchen mußten.
Endlich trotz alledem hatten sie Nagy-Vasar erreicht und jagten nun, um das Versäumte wieder einzuholen, die lange, winklige Gasse hinauf aus den See Zu, von woher eben das dritte Läuten herüberklang. Aber ehe sie noch die letzte Biegung gemacht hatten, löste sich das Schiff schon vom Bollwerk und war bereits in voller Fahrt, als sie die Landungsbrücke zwei Minuten zu spät erreichten. Andras, im ganzen Stolz eines gräflichen Dieners,
rief dem Kapitän ein Ziemlich befehlshaberisches „Halt!" nach und erwartete nicht anders, als daß der Respekt vor seinem Grafen allerhand Wunder wirken werde. Dieß Wunder aber blieb aus, da Kapitän und Schiffsleute weder Egon noch Franziska wieder erkannten, und so setzte das Boot denn seine Fahrt ruhig fort, während sich das an der Anlegestelle herumstehende Volk seiner kleinen Schadenfreude hingab und kicherte.
„Hem lüirs?" fragte Egon, der sich rasch vom Pferde geschwungen hatte. „Wir werden uns in der nächsten Schenke Wohl oder übel einquartieren oder vielleicht besser noch bis Mihalifalva reiten müssen. Da finden wir etwas, das einem Gasthos ähnlich sieht."
Auch Franziska war aus dem Sattel gestiegen. „Ich denke, wir nehmen ein Segelboot und versuchen es mit einer Fahrt über den See . . . Sagt, Leute, wie lange fahren wir bis Szegenihaza?"
Diese Frage hatte sie au eine Gruppe von Personen gerichtet, die bis dahin in dem Ausdruck ihrer Schadenfreude voran gewesen waren, jetzt aber bei der Aussicht aus Lohn und Verdienst mit einem Male sehr ernst und respektvoll wurden.
„Zwei Stunden," sagte der Eine. „Drei," verbesserte der Andere. So ging es hin und her, bis man sich dahin einigte, daß es in dritthalb Stunden zu machen sei, wenn man ein kleines, leichtes Boot, ein Segel und zwei gute Ruderer nähme. Der Wind sei nicht ungünstig, Südwest, und die Sterne Zögen immer Heller herauf.
Alles Volk, das zur Hand war, war denn auch sofort bereit, ein auf den Strand gezogenes Boot wieder flott zu machen, Egon aber nahm Franziska's Hand und sagte: „Franziska, Sie nehmen die Sache von der romantischen Seite. Fast ist es, als trügen Sie Verlangen nach einem Abenteuer. Aber erinnern Sie sich, daß Abenteuer und Gefahr Geschwisterkinder sind. Ich habe Manches von diesem See gehört und muß Ihnen sagen, daß Sie Beides haben können, Abenteuer und Gefahr."
„Beides?" scherzte sie. „Nun, dann um so besser. Uebrigens vergessen Sie, daß ich aus einer Seestadt bin. Und weil ich es bin, weiß ich mit aller nur möglichen Sicherheit, daß es gerad' umgekehrt liegt und daß keine Gefahr im Anzug ist. Schiffersleute sind die sorglichsten und beinahe ängstlichsten Leute von der Welt, und wenn ein Bootführer mir sagt: ,heute fahr' ich', so fahr' ich mit ihm, wohin er will, und wenn es in einer Nußschale wäre."
„Gut, ich bin es zufrieden. Unter allen Umständen würd' es mir schlecht anstehen, noch weiter abmahnen zu wollen. Also wir fahren!"
Andras hatte, während dieß Gespräch geführt wurde, die drei Pferde bei dem Schenkwirth untergebracht. Als er zurückkam, schwamm das Boot schon und abermals eine Minute später löste sich's unter dem Zurufen der Menge von dem Brücken- psahl ab, an dem man es kurz vor dem Einsteigen zu größerer Bequemlichkeit angekettet hatte. Jeder hatte seinen Platz: Andras am Steuer, Egon und Franziska dicht vor ihm; von den beiden Schiffs-