Heft 
(1885) 33
Seite
776
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Deutsche Noman-Sibliothek.

leuten aber, denen man sich anvertraut hatte, hielt der eine die Segelleine, während der andere schräg und bequem ausgestreckt am Boden lag und seinen wollhaarigen Mohrenkops gegen die Kielspitze lehnte. Nichtsdestoweniger war.er ersichtlich die Hauptperson und gab durch kurze Bewegungen mit seiner Stummel­pfeife dem gegenübersitzenden Andras an, ob er mehr nach rechts oder nach links hin steuern solle.

Die Fahrt war entzückend, keine Welle ging, und Egon und Franziska, die den Blick auf den anscheinend in endloser Ausdehnung vor ihnen liegen­den See frei hatten, konnten noch eine Zeitlang die durchglühte Rauchwolke des ihnen vorauffahrenden Dampfschiffs erkennen. Endlich aber schwanden Schiff und Glutschein und von Licht war nichts mehr sicht­bar als die Pünktchen in den Hüttenfensteru am Ufer. Andras begann ein Lied, unsicher erst und befangen; als aber gleich darnach sein Gegenpart am Kiel und einen Augenblick später auch der Mann am Segel einzusallen und Egon im Takte Bravo zu klatschen begann, wurde das Singen immer kräf­tiger und voller und klang melodisch in die Nacht hinein.

Egon nahm Franziska's Hand und sagte:Wie schön!"

Romantisch," neckte diese.Zuletzt behalt' ich doch Recht mit dieser unserer Fahrt."

Aber immer einsamer ward es. Die letzten Licht­fünkchen am Ufer erloschen und nur die Sterne glühten noch über ihnen.

So war eine Stunde wohl vergangen, und sie mußten eben den Punkt erreicht haben, wo zwischen zwei Bergmassen das Wetterloch und sehr wahr­scheinlich in Folge beständig kreisender Luftströmungen eine von den Schiffern gefürchtete Trichterbewegung, ein Strudel, auf dem See war. Egon wußte von diesen Strudeln und ihrer Gefahr, aber auch wenn er nicht davon gewußt hätte, würd' ihn die plötzlich veränderte Haltung der beiden Bootsleute darauf aufmerksam gemacht haben. Der Jüngere, der bis dahin die Segelleine gehalten hatte, reffte plötzlich ein, während der Andere seine Pfeife beiseite warf und rasch aufsprang, um dem Andern bei seiner Arbeit behülslich zu sein. Ihr Singen hatte schon vorher ausgehört. Und nun nahmen Beide die großen Ruder zur Hand und griffen mit einer Anstrengung ein, die deutlich erkennen ließ, daß man entweder den Kurs ändern oder einen immer stärker werdenden Widerstand besiegen wolle.

Franziska hatte all' dessen nicht Acht und sah nur aus die blinkenden Tropfen, die vom Ruder fielen. Sie war müde geworden und bedauerte nichts weiter, als daß das Singen aufgehört habe. Plötzlich aber überlief es sie fröstelnd und fieberig und sie sagte leise vor sich hin:Mich friert."

Wirklich, es kam eiskalt vom Gebirge her, während zugleich hoch oben in der Luft ein feines Getön, ein unheimliches Pfeifen anhob. Und als Egon jetzt hinaufsah, sah er, daß die Sterne fort waren. Er schwieg iudeß und fragte nur Den mit dem Mohrenkopf, ob er nicht eine Decke für die Gräfin habe. Der nickte, gab dem Andern sein Puder mit in die Hand und kam gleich darnach mit

zwei Decken zurück, die bis dahin in der Nähe des Steuers unter einem Stück Segeltuch gelegen hatten. Franziska stand auf und wollte sich darin einhüllen, aber sie hatte nicht mehr Kraft genug und streckte sich endlich auf Egon's Bitten am Boden des Bootes hin aus, auf den: man ihr eine Kopflage zurecht gemacht hatte. Dann nahm Egon die Decken und deckte sie zu.

Es war höchste Zeit, denn kaum daß sie so lag, so kam es auch schon wie eine Spirale die Luft herunter und hob das Wasser sammt dem Boot in die Höhe, als ob ein Kork gezogen würde. Dazu wuchs das unheimliche Gepfeif, und als Egon jetzt unwillkürlich dem wenigstens anscheinend auf der Spirale niedersteigeuden Tone nach oben hin folgte, sah er, daß die Sterne wieder da waren. Aber sie standen jetzt an einem wunderbar durchglühten Himmel, und ihr Licht, das eine Stunde vorher noch so still und friedlich auf die Welt herabgeblickt hatte, sah jetzt auf sie nieder, als ob es Unheil und Unter­gang bedeute.

Mich friert," wiederholte Franziska, während sie mit der Hand auf ihre Schläfe wies; Egon aber, ohne sich Zu besinnen, riß jetzt den langen blauen Schleier von dem neben ihr liegenden Reit­hut und wand ihn um ihre Stirn, und der freund­lich matte Blick, der ihn traf, verrieth ihm, daß er's damit getroffen habe.

Die Bootsleute hatten mittlerweile die Ruder eingezogen, und Egon, der eine Hoffnung daran knüpfen mochte, fragte:Sind wir heraus?"

Aber Keiner antwortete.

Soll ich helfen?" fuhr er fort.Wenn ihr müde seid, ich versteh's. Und Andras versteht es auch."

Aber sie schwiegen weiter.

Hört doch. Ihr habt noch zwei andere Ruder; gebt sie nur her. Vier können mehr als Zwei. Wir wollen mit anfassen."

Alles still.

UassereMtettz G rief jetzt Egon im Zorn. Sprecht. Ich will Antwort haben. Wir kommen nicht von der Stelle, drehen uns bloß und müssen doch am Ende heraus."

Müssen?" wiederholte der Aeltere nur, während er lächelnd seine Pfeife nahm und damit spielte.

Franziska war bis dahin halb apathisch dem Gespräche gefolgt. Sie sah nun, wie's stand, und Egon die Hand reichend, sagte sie:Verzeih'! Ich bin schuld."

Woran?"

An unserem Tod."

Wir leben."

Aber wie lange noch? Und es ist auch das Beste so. Wenigstens das Beste für mich. Der Tod löst alles Wirrniß, das ich heranfbeschworen habe. Was sollt' ich noch hier? Ich sterbe gern, ja, Egon, und gerade so, so. Das Glück bleibt mir treu bis zuletzt ... Aber Du?"

Nein, nein, Franziska. Es kann nicht sein; nicht so. Wir leben noch, müssen leben." Und er ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen.

In diesem Augenblicke schwieg das Pfeifen und