Aus der neuen deutschen Lyrik.
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Der Weg, auf dem er ausgestiegen war und auf den er jetzt von der Höhe her zurücksah, lief wie ein Faden zwischen den Waldwiefen hin, und ein Wässerchen, das halb in Binsen stand, schlängelte sich nebenher. In den Binsen aber ging der Wind, denn seit dem Sturm aus dem See war wieder ein Wetterumschlag eingetreten, und grau-schwarze Wolken, aus denen dann und wann ein Regenschauer niederfiel, zogen endlos vom Gebirg her über das Schloß hin. Auch in diesem Augenblicke wieder lag der Glockenthurm in solchem Gewölk, und ein fahler Lichtschein, der von der entgegengesetzten Seite her auf die graue Wand siel, steigerte nur das Unheimliche des Anblicks. Um ihn her die Stelle, wo das Holz aufgeklastert lag, war windgeschützt, aber aus dem Walde kam dann und wann ein Luststrom und schüttelte von dem überhängenden Gezweig einige Tropfen aus ihn nieder. Alles in Nähe und Ferne war wie in eine große Trübe gekleidet.
Er erhob sich endlich, um seinen Rückweg an- Zutreten, wollte jedoch den Schlängelpfad, auf dem er gekommen war, nicht wieder einschlagen und zog es vor, weglos über eine den steilen Abhang bedeckende Wiese hinabzusteigen. Diese Wiese war aber glatter und abschüssiger, als er dachte, so daß er sich, um nicht auszugleiten, an allerlei Gebüsch, Weißdorn und Hagrosen, festhalten mußte, die den ganzen
Abhang hinauf und hinab gepflanzt waren oder auch wohl sich selber gepflanzt hatten. An einem dieser Büsche blühte noch eine verspätete Rose; die brach er und nahm sie mit sich, einen Augenblick von der Hoffnung und fast auch von dem Glauben erfüllt, ein Unterpfand künftigen Glückes in ihr empfangen zu haben.
Aber welches war das Glück?
Und nun sprang er über den Binsenbach fort und hielt wieder die große Straße, bis er zuletzt an ein tieferes Wasser kam, das an seinem Uferrande von Werft und Weiden überwachsen war. Es hieß, daß erst ganz vor Kurzem Einer an dieser Stelle gesunden worden sei, halb verschlammt und begraben und nur die rechte Hand ausgestreckt nach dem niederhängenden Gezweig. Und Keiner wußte, war es Unthat oder ein Unglück.
In weitem Bogen ging er um das verschlammte Wasser herum, aber als er's im Rücken hatte, war ihm doch, als folg' ihm wer.
Er blieb stehen, da stand der Andere auch.
Und es überlief ihn eiskalt.
Erst nach einer Weile nahm er wahr, daß es der Wiederhall seiner eigenen Schritte gewesen, was er unheimlich und gespenstisch neben und hinter sich gehabt hatte.
(Schluß folgt.)
Aus der neuen deutschen Lyrik.
Im Zchwarzwald.
von
H. Platz.
(Ungedruckt.)
wo die dunklen Tannen sausen wundersame Melodie, wo die wilden Wasser brausen wogenschäumend spät und früh;
wo der Felsen altersgraue Märchenhafte Zacken drohen Und der Abendröthe laue Goldne Abschiedsgluten lohen;
wo die Drossel leise klagend Ihre holden weisen singt,
Aus dem Dickicht finster ragend wilder Tauben Gurren klingt;
wo in lichten Aetherwellen Stolz der weih die Kreise zieht, Düftereiche Nebel quellen, wenn der letzte Strahl verglüht;
wo in Dörfchen bachumflossen Froh der Bursch sein Mädel schwingt, Freier fahrender Genossen Wanderlied zum Himmel dringt,
Hat auch mich in mächt'gen wogen Würz'ger Schwarzwaldduft umrauscht, Bin ich frisch umhergezogen,
Hab' dem Vogellied gelauscht;
Und die lieben Hellen Lieder Zogen jubelnd in die Brust,
Tönten hallend in mir wieder Wie im Echo unbewußt.
weit vor ihrem Siegesklange Floh dahin der Sorgen Schaar, Schwarzwaldraben scheu und bange Wurden draus für immerdar;
Zogen krächzend in die Tannen,
In der Schluchten dunkle Nacht, Jauchzend schlich ich schnell von dannen In die holde Frühlingspracht.