780
Deutsche Nornan-Sidliothek.
Roman
von
Johannes van Lewall.
(Fortsetzung.)
Sechsnndzwanzigstes Kapitel.
7 er Lieutenant trainirte seine Pferde
^ mit großem Eifer. Helene sandte jeden Morgen einen Blumenstrauß für die Tante und sprach bisweilen selbst vor, während ihr Vater ein weniger gern gesehener Besuch war bei der alten Dame und seltener das Glück hatte, von derselben empfangen zu werden, da er, trotz mancher ausweichenden und abschlägigen Antwort, immer wieder derselben seinen Rath ausdrang und allerhand Versuche machte, von derselben aus irgend eine Weise etwas zu erfahren über den Stand ihres Vermögens und wo dasselbe placirt sei.
Der Doktor ließ sich nicht sehen, trotz seiner Ungeduld, mit Marie zu sprechen und ein neues Begegnen mit Fräulein Wild zu ermöglichen. Als er am dritten und vierten Tage noch nicht gekommen war und Marie eine kleine Verstimmung bei der Freundin zu bemerken glaubte, schrieb sie ein Bittet an den langen Herrn: die Tante lasse ihn bitten, doch einmal nach Asta, der Jndierin, zu sehen, welche kränkelte. Er hätte zwar die Behandlung der Tante abgelehnt, würde aber gewiß nichts dawider haben, der Dienerin seine Hülse angedeihen zu lassen.
Als Doktor Rudolph kam, fand er in dem Zimmer der Tante nur Marie, dafür aber fesselte seine Blicke ein Porträt, das der schönen Fremden, welches dort zu seiner großen Ueberraschung an der Wand hing. — Marie machte ihn auf dasselbe aufmerksam, trotzdem sie sah, wie es seine Blicke bannte, und erzählte ihm, daß ihre Freundin auf ihre dringenden Bitten sich für sie habe malen lassen. Dem war in der That so, denn Elisabeth hatte ihr diesen Wunsch erfüllt.
Sie sah, wie der lange, ernste Herr wie gebannt vor dem Porträt stand und es betrachtete, wie es in seinen dunklen Augen ausleuchtete und zog daraus ihre Schlüsse. Sie entschuldigte die Tante und führte Asta herein, welche an einer leichten Erkältung litt. Er verschrieb etwas und sie verabredeten eine Ausfahrt in die Umgegend in Gesellschaft von Fräulein Wild; er theilte ihr mit, daß er sie vergebens im Theater gesucht hätte.
Ausfahrten und Theatergänge wiederholten sich in den nächsten Wochen, und mit Freude, aber auch mit einem Gefühl von Eifersucht bemerkte Marie, wie Elisabeth mit jedem Male dem Vetter gewogener wurde.
Der Präsident hatte beschlossen, auf Drängen der Seinen Zu Ehren seiner Cousine ein größeres Fest zu geben; Karola theilte das der Gesellschaftsdame mit und wußte einige Worte mit einfließen zu lassen, in Folge deren die Tante -abermals einen Griff in den Beutel that. Man war bereits gegen Ende September, die Tage waren kühler geworden, es sollte deßhalb getanzt werden. Die Tante sollte den Genuß haben, einen gemüthlichen deutschen Ballabend Zu sehen, gewiß ein lang entbehrter Genuß.
Karola und namentlich Frida schwelgten in angenehmen Vorempsindungen: ein Ball war ein Hochgenuß und gab dem Hause zugleich Relief. Viele alte Verpflichtungen konnten dabei abgemacht werden. — Der Präsident war weniger enthusiastisch, denn er fürchtete, die Tante Karoline würde sich selbst und sie Alle mit ihren seltsamen Gewohnheiten lächerlich machen, man könnte sie bereden oder wohl gar verspotten. Außerdem, dem von Sorgen so tief niedergebeugten Mann stand der Kopf wahrhaftig nicht nach solchen lästigen Vergnügungen; doch wollte er den Seinen nicht im Wege sein und ließ sich nichts hievon merken.
Der große Tag kam heran. Karola und Frida hatten ihre neuen Kleider von der Schneiderin erhalten, der Konditor und Koch schleppten Körbe voll guter Dinge herzu und auf dem Korridor klapperten die Flaschen. Lohndiener in weißen Halsbinden trieben ihr Wesen, und unten im Garten wurden bunte Laternen an die Zweige gehängt. Man wollte nämlich der Tante wegen das Fest nicht Zu tief in die Nacht hinein ausdehnen, andererseits aber auch in seinem Vergnügen nicht verkürzt sein; in Folge dessen war schon zum Kaffee gebeten und die Zeit auf vier Uhr festgesetzt.
Die Einladungen hatten mancherlei Kopfzerbrechen verursacht, doch war endlich Alles geregelt und der Wunsch, den Fräulein Werner anssprach, auf einige Stunden eine liebe Jugendfreundin mitzubringen, auf das Entgegenkommendste erfüllt worden. Die Tante wollte etwas später kommen, wenn der Tanz im besten Gang wäre.
Besonders erregt war Frida heute, denn ein Ball und noch dazu im eigenen Hause war für diese ein Ereigniß, ganz besonders aber freute sie sich daraus, dem schlechten Menschen, dem Rothkirch, einmal ihre volle Verachtung zeigen zu können, denn dieser befand sich mit unter den Geladenen. Am Morgen war der Doktor dagewesen, hatte nach Asta gesehen und wie gewöhnlich eine Weile vor dem