Heft 
(1885) 33
Seite
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Die Erdtante von Johannes van Acwall.

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legene Gesichtsausdruck der Mitglieder der Familie Steinsurt. Nur Egbert lächelte verächtlich.

Ich kann sehr viel sage zum Lobe von meiner liebe Vetter," fuhr die Taute unterdessen fort, nach­dem sie umständlich eine Prise genommen hatte,er hat eine alte, kuriose Frau, wie ich bin, freundlich in sein lioiiis ausgenommen und läßt es ihr an nichts fehlen. Er hat auch zusammengebracht dieses Fest, um mir zu zeigen frohe Menschen. Ich danke ihm; er ist ein würdiger, lieber Verwandter."

Der Präsident stand da, mit dem Glase in der Hand, aufrecht, aber den Kops ein wenig geneigt, die Blicke gesenkt, und rührte keine Muskel ein Märtyrer.

Ich hoffe, Sie Alle geben mir darin Recht. Darum erlaube ich Zu trinken ein Glas auf sein Wohl!... llex, llop, llurrab!..."

Sie rief das mit erhobener Stimme, verneigte sich, brachte das Glas an ihre Lippen und nickte dem Vetter zu.

Das laute llex, llex-Rufen der klebrigen schien ihr große Freude zu machen, noch mehr aber, daß die Gäste einer nach dem andern dann zu ihr kamen und mit ihr anstießen. Sie sah ganz stolz aus, die alte Frau, und lachte Jedem zu. Dann winkte sie John, der mit unter der Dienerschaft war, aber steif, ihres Befehls gewärtig, in einer Ecke stand. John erschien denn auch sogleich mit einem Glase voll brauner Flüssigkeit und es roch plötzlich bedenk­lich nach kaltem Grog. Die Alte drehte sich herum und leerte Zum größten Gaudium der Gäste ihr Glas auf einen Zug.

Sapperment, die hat ein tüchtiges Gefälle!" brummte Rothkirch sehr belustigt. Er hatte selbst ewig Durst und verstand das zu würdigen.

Der Präsident mit hochrother Stirn be­dankte sich hernach für die Güte seiner Cousine und trank auf deren Wohl, dann sprach noch der Kom- merzienrath einige unpassende Worte über das Glück, welches alle wahrhaft guten Menschen belohnt, eine zarte Anspielung auf die Schicksale der Tante, dann kamen das Dessert und der Champagner, und nun er­hob sich die Alte plötzlich abermals und nahm, zum Entsetzen der Familie, unter den jungen Leuten Platz, gerade Zwischen Rothkirch und dem Kleinen, denn die Dame, welche dort gesessen hatte, räumte freiwillig das Feld.

Muß ein bischen mich Zu euch jungen Krieger setzen," sprach sie mit ihrer rauhen Stimme.Mein seliger Mann war auch Soldat, Kapitän bei die reiÜ68, müßt ihr,wissen, und ich Hab' gewohnt lange Jahre in die Baracken in Bombay und in Allahabad und in viele andere Orte noch; bin ein richtiges Soldatenweib."

Freut mich außerordentlich zu hören," krähte der Kleine und blinzelte ihr listig zu, während die Umsitzenden kicherten und die Damen roth wurden.

O! ich kenne das! Wie gesagt, ich war lange Jahre in die Kasernen und Baracken kenne die Herren Offiziere und ihre Mucken."

Hier nickte sie sehr energisch mit dem Kopfe. Allgemeines Gelächter.

Schade, daß ich damals nicht dort war," ver­setzte Rothkirch mit einem vielsagenden Gesicht.

O! ich verstehe, ich verstehe!" rief die Alte augenblicklich;aber nix da! Ihr seid ein Bruder Lustig; mein Kapitän war eine ordentliche, solide Personage."

Ein abermaliges schallendes Gelächter, welches dem Präsidenten durch und durch ging, belohnte diesen Ausfall, die Alte fühlte sich offenbar geschmeichelt, der Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit zu sein, und wurde immer lebhafter. Karola erhob sich und trat zu ihrem Vater, Egon schaute ernst, beinahe drohend unausgesetzt herüber.

Weißt Du aus Erfahrung: die jungen Herren Offiziers, hüten Sie sich, junge Ladies, die lieben alle den Wein oder den Grog und laufen nach hinter ein jedes hübsche Gesicht. Andere Städt­chen, andere Mädchen, heißt's da. O, ich kenne das! . . ."

Abermals große, andauernde Heiterkeit.

Auf Ehre die Alte ist kostbar!" platzte der Kleine heraus, und die jungen Damen waren so roth vom Lachen oder vor Scham wie frisch gepflückte Rosen.

Bei uns ist das anders, Lady Macduff," er- wiederte der Beau, indem er sich vorstreckte,wir sind solide Leute."

Larifari! machen mich nix weis! Jugend hat keine Tugend, und Die's nicht eingestehen, sind die Allerschlimmsten."

Mittlerweile saß auch Marie ein wenig wie aus Kohlen: Elisabeth verliebte sich offenbar in ihre Rolle; sie trieb es heute ärger wie je. Sie bemerkte, wie Karola und der Präsident mit einander flüsterten und was sie litten. Gerade als John das zweite Glas brachte, stand sie auf und näherte sich der Tante. Gleich darauf umging sie leise die Tafel und bog sich zu dieser herab.

Schon aufstehen?" fragte dieselbe offenbar etwas widerwillig.

Marie nickte.

Nun, ich bin eine alte Soldatenfrau, ich parire Ordre. Adieu, ihr junge Herren!"

Sie wackelte mit dem Kopfe, erhob sich schwer­fällig und watschelte davon. Nach aufgehobener Tafel wurde sie in einer Ecke des Saales, wo sie Alles übersehen konnte, untergebracht. Karola setzte sich neben sie, gleichsam als Wache. Der Tanz begann auf's Neue, ein Cotillon mit allen Chikanen.

Lieutenant von Rothkirch, der ein wenig tief in's Glas geguckt hatte, fand ein solches Gefallen an deralten Schraube", daß er sich nach kurzer Zeit wieder zu dieser gesellte, und bald darauf stellte sich auch der Kümmerliche ein, der vom Tanzen nicht allzuviel hielt und sich der Unterhaltung widmete. Beide fetzten sich zu der Goldtante und führten das Gespräch mit ihr auf dem nämlichen Fuße weiter, wie vorhin. Der Beau machte sich mittlerweile bei Marie Werner interessant.

Elisabeth verursachte es ein kaum beschreibliches Vergnügen, ihre Courmacher von neulich hier aber­mals an ihrer Seite zu sehen und sie ein wenig Zu mystifiziren. Sie war eben jung und lebenslustig, und der Uebermuth der Offiziere reizte sie. Sie hatte recht gut gemerkt, daß Egon vorhin dem Kleinen