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Deutsche Roman-Bibliothek.
tüchtig den Leviten las wegen seiner unvorsichtigen Aeußeruug, und sah, wie er, neben Helene sitzend und auch jetzt beim Tanzen, etliche Male finster herüberschaute. Sie blickte öfters dorthin, denn Marie saß aus der andern Seite des Dragoners und bog sich, da der große Reiteroffizier sie mehr und mehr Zu langweilen begann, immer häufiger und länger zu diesem und Helene hinüber, was sie um so eher thun durfte, da die anderen Damen ihr den Tänzer beinahe ohne Unterlaß entführten. Es fiel ihr nicht allein auf, wie freundlich Marie zu Egon war und wie lebhaft dort die Unterhaltung ging. Karola sah es, und alsbald stieg in ihrem ewig mit dem Wohle der Familie beschäftigten Hirn ein neuer, rettender Gedanke auf. Auch der Präsident bemerkte es und der Onkel Leopold — dieser mit Neid und Groll.
O, diese intrigante, habgierige Sippe! . . . wie wußte sie nicht die Tante zu umstricken und auszupumpen, denn natürlich bezahlte doch diese den ganzen Luxus heute, den theuren Champagner und die Lampreten. Sie würde nicht ruhen, natürlich, ehe sie das ganze Fett abgeschöpft hätte. — Und wie freundlich die Alte Karola zulächelte, und die Rede von vorhin! . . . Und dabei stand der Dragoner entschieden hoch in Gunst bei der jungen, einflußreichen Dame, und dabei ging der widerwärtige Mensch heute seiner eigenen Tochter kaum von der Seite, tanzte mit ihr sogar den Cotillon! Sollte der Hungerleider wohl gar auch Absichten haben auf sein Kind und seinen fetten Beutel? — Im Stande wäre er es schon. — Zwei Saiten auf feinem Bogen!... O! . . . Diese ganze Gesellschaft da lebte ja nur vom Jntrigiren, Schuldenmachen und Sichmästen auf anderer Leute Kosten!
Finstere Pläne stiegen sogleich in ihm auf: die Alte mußte zu ihm! Er wollte dann auch ein Fest geben, aber ein ganz anderes als dieses hier. Und hernach .. . Nun, vor Allem wollte er darauf dringen, daß die thörichte alte Frau aus diesem Gaunernefte hier heraus käme und zu ihm. — Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, begab er sich schnurstracks hinüber zu seiner Cousine Karoline. Er wollte sich nicht von der hochnäsigen Gesellschaft in den Hintergrund drängen lassen, daß ihn diese bei ihr verleumdete, war sonnenklar, sonst hätte Jene sich wohl nicht so oft vor ihm verleugnen lassen. Das sollte Alles anders werden.
Auch Frida, trotz ihres hübschen Kleides und des lang ersehnten Festes, sah finster drein und blickte ab und zu wüthend dort hinüber, ohne aus die zierlichen Redensarten ihres Tänzers zu achten. Der treulose Mensch, mit wahrhaft teuflischer List wich er ihr immer wieder aus. Sein Schuldbewußtsein erdrückte ihn, machte ihn feige, den Elenden! — Die ganze - Freude war ihr dadurch verdorben, und um so gründlicher, als dieser Elende ihre Wuth gar nicht einmal beachtete, sich außerordentlich behaglich zu befinden schien unter ihren Zornesblicken.
Egbert, bei dem der Wein bereits wirkte, saß mit zwei Kumpanen in einem der Hinterzimmer, hinter der Thür verborgen und spielte auf der Tischecke ein kleines Macao. *
„Warum tanzt ihr nicht, ihr 1ounZ6r8?" fragte drüben die Tante Karoline ihre beiden Verehrer von der Reiterei. Glücklicherweise verstanden diese kein Englisch, aber Karola's Schreck war beinahe übermäßig.
„Wir haben keine Lust," erwiederte der Husar mit seinem gewohnten Phlegma.
„Na, — nun seh' mir doch Einer diese neumodischen Herrlein an," lachte die Alte mit rauher Stimme ... „iuäekä, da hättet ihr mich 'mal sehen sollen, als ich jung war; kein Tanz wurde da verpaßt."
„Glaube schon. . . glaube schon!" meckerte der Kleine mit einer faunischen Grimasse, die ihm das Aussehen gab, mit feinem schmalen, faltigen Gesicht- chen, wie ein Säugling, der zu weinen anfangen will.
„Müssen eine famose Tänzerin gewesen fein; — man fieht's heute noch. — Glaube, wenn Sie nur wollten, — so einen kleinen, gefühlvollen Walzer... Hetze! Empfehle Ihnen meinen Freund Rothkirch hier, ist ein wahrer Akrobat."
Die alte Dame fächelte sich lebhaft und lächelte sehr geschmeichelt; — wahrhaftig, sie schien es zu überlegen, — Rothkirch erblaßte.
„ O, o!" begann sie, „ ein Walzer?... Nein... Ja, wenn es noch eine lustige giZ wäre oder ein lliLblrwä flink, wie unsere imÜ68 ihn tanzten, sapperlot, da stünde ich heute noch meinen Mann!"
Der Kleine wollte sich wälzen, Rothkirch athmete auf. Anstatt seiner fühlte Karola sich immer beklommener, und dieß um so mehr, als die alte, kostbare Dame immer mehr Publikum anzog und mehr und mehr in Zug kam, die Unterhaltung zu führen. Sie suchte nach einem Auswege, aber sie fand ganz und gar nichts.
„Ja," sagte die Tante mit einem gewissen Lächeln, wackelte mit dem Kopf und nahm eine große Prise .. . „man war auch einmal jung und konnte sich sehen lassen!... O ... mein Kapitän ... der hatte Augen!"
„Bei meiner armen Seele, — die Alte ist unbezahlbar," kicherte der Kleine dem Husaren in's Ohr und verschluckte sich dabei und begann ganz erschrecklich Zu husten und zu lachen, beides durch einander.
Sie fing an mit dem Kopfe zu wiegen und trommelte auf den Deckel ihrer kostbaren Dose, dabei summte sie leise im selben Takt eine seltsame, eintönige, aber scharf rhythmische Melodie: „Tam, tata- tam, tatatam, tatatam tam, — tam, tatatam tata- tam, tatatam tam," bis endlich Karola fragte:
„Was ist denn das, liebe Tante?"
„Mein liebes Kind — das verstehst Du nicht, — das ist der Nigger-Fandango; sehr lustig — vsr^ ga.)U" versetzte sie und hielt plötzlich inne, mit einem komischen Augenniederschlag, als hätte sie etwas Unpassendes gethan.
„Auf Ehre! Die Alte ist ein Prachtstück," brummte Rothkirch vergnügt. . . „hatte sie mir total anders vorgestellt. Schade, daß ich nicht ihr Neffe bin."
„Es ist Wohl sehr heiß in Indien?" fragte hier eine zierliche Stimme, etwas schüchtern, aber offenbar von dem Wunsche beseelt, an der Konversation
* Ein bekanntes Hazardipiel.