Die Erbtante von Johannes van DrrvaU.
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thätlichen Antheil zu nehmen. Sie gehörte einem jungen Referendar, mit einem rothen, kugelrunden, glatt rasirten Gesicht, welches noch dunkler sich färbte, als die großen dunklen Augen der Begum sich jetzt plötzlich mit einem beinahe ironischen Lächeln ihm Zuwandten.
„^68 — in Jndia ist es ein bischen heiß," versetzte die tiefe, heisere Stimme.
„Ach bitte, erzählen Sie doch etwas davon," bat derselbe Diskant.
Man stieß sich unter einander au und lächelte.
„Wollen Sie machen eine Reise dorthin?"
„Das nicht, aber ich habe so vielerlei Interessantes davon gelesen..."
— will ich Ihnen erzählen: gehen Sie nicht hin — es fallen dort die Vögel aus der Lust vor großer Hitze — hnndertundzwanzig Grad Tag und Nacht, aber wenn todt auch, nicht gebraten."
Ein beifälliges Geräusch; die Alte hatte dem Zierpeter eins ausgewischt.
„Haben Sie gereist?" fragte sie dann.
„Ein wenig, — in Schlesien und in der sächsischen Schweiz, Lady Macduff."
„^Vell, — ich habe gereist Zn Esel, zu Pferd, auf Dromedaren und ans Elephanten, mit Palankins und mit Schiffen, durch Afghanistan, durch ganz Indien, durch die Dschungels und bis hinauf auf den Himalaya," prahlte die alte Dame und schlug sich stolz auf die Brust.
Aller Augen waren gespannt ans sie gerichtet. Sie schob den grünen Schirm ein wenig herauf und fuhr mit einer theatralischen Bewegung fort:
„Ich Hab' geschlafen unter Zelten und bei bloßem Feuer, unter Tngern und Schakals... O, ich haben viel gesehen und erlebt in meinem Dasein!"
„Haben Sie auch ivohl einmal einen Tiger von Angesicht zu Angesicht gesehen, werthe Lady?" fragte der kleine Referendar mit wachsendem Interesse.
„Ich! -- einen Tüger?" rief sie mit rollenden Augen und warf den Oberkörper zurück. — „Junger Mann — welch' eine seltsame Frage! — Ich, — ich selbst habe den Tüger gejagt und mehr wie einen habe ich eigenhändig erlegt!"
Allgemeine, tiefe Sensation! — Nur der Kümmerliche war so skeptisch, dem Husaren in's Ohr zu flüstern:
„Bei meiner Seele, — ich glaube, die Alte schnurrt!"
„Junger Mann, lieben Leute, ich bin gewesen oftmals mit nieinen Freienden,'den Rajahs, in den Dschungels auf der Jagd nach Elephanten und wilden Thieren."
„O, — das ist göttlich!" rief der Referendar und drückte sieh beide Hände vor den Magen.
„Bei Kalkutta wimmelt es von solchem Raubzeug; die Regierung zahlt Schußgeld. — Zwanzigtausend Menschen werden allein in einem Jahre lebendig gefressen in die Umgegend von dieser Stadt."
„Ah! . . . kaum möglich!"
„O!" — hier leuchtete das Gesicht der Alten in stolzer Rückerinnernng, — „will euch erzählen, wie ich kam einst in große Gefahr: war von meinem Freunde,
Deutsche Roman-Bibliothek. XII. 17.
dem Rajah von Podsham, geladen auf eine große Jagd.
— Wie wir nun sind mitten im hohen Schilf, ich sitzen aus mein hohes Elephant, mit meine lange spser und meine Flinte und noch denke an gar nichts Schlimmes, springt plötzlich ein großes Tügerthier"
— hier riß sie die Augen unheimlich groß auf und erhob die Hände — „auf meine Elephant und kommt mit die Tatze bis vorn an meine Sitz."
„Auf Ehre! — die Alte lügt gottvoll!" raunte der Husar dem Kleinen lachend in's Ohr, ein wenig laut.
„Toll!" versetzte Jener, sich die Seiten haltend.
„Wie ich das Tügerthier nun erblicke," — hier erhob die Alte den Kops und schaute wahrhaft unheimlich — „ohne Zu verlieren meine eontoimnae, nehm' ich meine Büchse und paff, — schieße ihn gerade in das linke Auge. Todt war er. — Elephant brüllte vor Wuth und Kornak war so blaß wie eine Wand.
„Kam mein Freund, der Rajah, angesprengt und ries:
„,Mylady, — bekommen Schußgeld! . . . Brav gemacht! — Das war einer von den Schlimmsten
— der erst vorgestern Nacht einen von meinen Reitknechten aufgefressen hat . .. Alter Kerl, nimmt nur noch Menschensteisch?"
„Auf Ehre, toll! . . . Glaubst Du's?"
„Kein Wort!"
Hier kam einer der Herren mit einem Orden, um die Tante zu holen. Sie nickte sehr geschmeichelt, steckte den Orden an ihre Brust, bat aber Karola, für sie einzutreten. Gleich darauf kam der Onkel Leopold und die Szene wechselte, denn dieser begann alsbald von dem Diskonto der englischen Bank zu sprechen, und daß derselbe aus Viereinhalb hinaufge- gangen sei.
Elisabeth schenkte ihm nur wenig Gehör. — Der zudringliche, geldgierige Mensch war ihr verhaßt, dagegen fesselte ihre Aufmerksamkeit Karola, welche zu ihrem Vater getreten war, der blaß und erschöpft in einer Nische stand und von dort aus das Ge- bahren der Tante beobachtet hatte, wie sie sich und sie Alle lächerlich machte.
„Ich bin am Rande," stöhnte Jener, „die ganze Stadt wird morgen voll davon sein!"
Er warf einen langen, vorwurfsvollen Blick dort hinüber und bewegte die Hand.
Karola sah ihm besorgt in's Gesicht und nahm seine Rechte.
„Es ist nicht so arg, wie Du denkst, lieber Vater," versuchte sie ihn zu trösten, „sie ist barock, aber seelengut."
„Laß Du nichts merken — geh' Zu ihr, mein Kind," drängte der Vater. „Mein Bruder steht bei ihr; — ich traue ihm nicht. Ich bin überhaupt..." Er unterbrach sich hier kurz. „Geh', mein Kind."
Elisabeth sah die Mienen der Beiden und jene Geste und machte sich bittere Vorwürfe plötzlich: sie war zu weit gegangen, sie sah das ein; sie mußte einlenken, — ihnen irgend eine Freundlichkeit erweisen, die sie versöhnte. — Sie hatte besser von dem Onkel und namentlich auch von Karola denken
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