Heft 
(1885) 33
Seite
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Die Erbtante von Johannes van Aewall

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Der Mann hatte auf alles Glück verzichtet, nm den Namen Steinsnrt, nm die Ehre des Hauses zu retten.

Augenblicklich war ihr deßhalb auch das Be­nehmen klar, welches sie gegen den wunderlichen Freier den zweiten von den Brüdern, einzuhalten hatte. Fester wie jemals war sie entschlossen, ihm zu Helsen.

Gnädiges Fräulein," Hub Egon mittlerweile an, und das Helle Blut der Scham stieg ihm dabei in das ehrliche Gesicht, er wagte nicht, sie anzusehen. Wenn ich Sie vorhin bat, mir Gehör zu geben, so war das, um Ihnen zu sagen..."

Ja, so feierlich?" unterbrach ihn Marie mit einem Lächeln, warm wie Sonnenschein. Er blickte aus und senkte schnell wieder die Wimper, als hätte er ein böses Gewissen.Und so in Gala!" fügte sie hinzu.

Egon athmete einige Male tief, dann fuhr er fort:

Gnädiges Fräulein, es ist vielleicht eine An­maßung ... aber Ihre Güte gegen mich ... ich..." hier senkte er das Haupt noch tiefer und wußte nicht gleich, wie er fortsahren sollte; dann faßte er einen gewaltsamen Entschluß und stieß beinahe in Haß die Worte heraus:-Ich liebe Sie, und wollte Sie fragen... bitten, ob Sie mich erhören können?"

Nun er es aussprach, umflorten sich trotzdem Mariens Augen und erröthete sie nicht minder als er selbst, war nicht weniger verwirrt und ergriffen.

Sie sah ihn an mit einen: laugen, seltsamen Blicke, sie trat auf ihn zu und erfaßte seine schlaff am Körper herunterhängende Rechte. Kaum fühlte er die Zarte Berührung, so schrak er sichtlich zu­sammen. Das gab der jungen Dame einen Stich durch das Herz, aber trotzdem hielt sie die Hand fest und sah ihm fest in die Augen. Ja, sie gewann es sogar über sich, zu lächeln. Beinahe scheu blickte er auf, als sie zu sprechen begann:

Lieutenant Egon . .. unter anderen Umständen würde ich vielleicht sagen: Ihr Antrag ehrt mich, mein Herr..."

Er athmete sichtbar und sah starr vor sich hin, wie vernichtet, dann plötzlich horchte er aus, wechselte abermals die Farbe und that betroffen einen Schritt zurück.

Aber Hand auf's Herz .. . lieben Sie mich wirklich mit der Glut, die ein schwärmerisches Mäd­chen wie ich von dem Manne verlangt, dem sie sich zu eigen geben will? . .. Nein! Sie können nicht lügen... Noch mehr, Sie lieben eine Andere... Sie lieben Helene und Helene liebt Sie wieder."

Er stand da, ganz bleich, plötzlich wie versteinert und rührte kein Glied, die Gefühle, welche auf ihn cinstürmten in diesem Augenblick, überwältigten ihn völlig.

Deßhalb kann ich die Ihre nicht werden, Lieu­tenant Egon. Aber einen Vorschlag will ich Ihnen machen: ich achte Sie hoch und . liebe Sie wie einen Bruder, seien wir Freunde, vertrauen Sie mir, denken Sie, ich wäre Ihre Schwester!"

Sie ergriff abermals seine Hand.

Lassen Sie mich vor Allem Ihnen sagen, daß es, weil ich Sie hochachte, mich mit tiefem Schmerz erfüllt, Sse bekümmert zu sehen, denn ich sage mir,

was müssen Sie leiden, daß Sie diesen schweren Schritt thun!" Hier sah er aus; ihre Stimme hatte einen so eigenthümlichen Klang an ihren Wimpern hingen Thränen.

O . .. gnädiges Fräulein!" stammelte er und sah verwirrt und beschämt ihr in's Antlitz und drückte ihre Hand, beinahe zum Zerbrechen.Bei meiner Ehre!... ich bin vernichtet! Woher wissen Sie? . . ." dann schwieg er, zog einem plötzlichen Impulse folgend die kleine, gemarterte Hand an seine Lippen und ries:Wahrhaftig! Sie haben ein gutes Herz!"

Sie legte ihre Linke gegen seine breite Brust und sah zu ihm aus.

Also sind wir Freunde. . . treue Freunde?" fragte sie, durch Thränen lächelnd.

Ja, bei Gott! ... Ich bin Ihr Freund!"

Dann kommen Sie; legen Sie Ihren Helm fort und setzen Sie sich zu mir. Wir müssen uns näher kennen lernen in dieser Stunde. Ich verlange unbedingtes Vertrauen."

Sie nahmen Beide neben einander Platz.

Vorerst gebe ich Ihnen die Versicherung, lieber Egon, daß ich Ihnen beistehen werde mit allen meinen Kräften, vorausgesetzt, daß Sie eines Bei­standes bedürfen; mein Einfluß ist nicht gering."

Fräulein Marie!..."

Sagen Sie einfach Marie zu mir und unter­brechen Sie mich nicht," versetzte sie mit einem ge­winnenden, aufmunternden Lächeln, ja mit einer ge­wissen Schalkhaftigkeit sogar, die dem Dragoner seine Geständnisse erleichtern sollte.

Ich weiß, Sie lieben Ihre Cousine."

Woher können Sie das wissen?" fragte er sie ansehend und wurde sehr roth.

Weil ich Auge:: habe und ein Weib bin und weil eure Augen bisweilen eine sehr beredte Sprache führten. Weil ich das sah und weiß, frage ich Sie nicht, ob Sie Helene über Nacht untreu wurden und in Liebe zu mir entbrannten, sondern ich frage Sie, Egon, haben Sie Sorgen und kann ich Ihnen helfen?"

Er schwieg und senkte den Kopf. Sie schaute ihn theilnehmend an und fuhr fort:

Drücke:: Sie oder einen der Ihrigen Ver­pflichtungen? Scheuen Sie sich darüber mit der Tante zu sprechen? . . . Sie haben sich nicht zu schämen, mein Freund, denn ich weiß Vieles und zolle Ihnen meine höchste Achtung."

Er bewegte sich unruhig aus seinem Stuhl, dann einen plötzlichen Entschluß fassend, sah er auf und antwortete ein kurzes, gepreßtesJa".

Sie Aermster, was müssen Sie gelitten haben! Warum sprachen Sie nicht eher?" fuhr sie mit dem Tone wärmster Theilnahme fort. Darf ich fragen, haben Sie Unglück gehabt in Wien? . . . vielleicht..."

Ich hatte keins ... im Gegentheil... ich bin ohne Schulden, ich habe noch übrig behalten, aber das reicht bei Weitem nicht aus."

So betrifft es Egbert oder Ihren Vater?"

Meinen Vater," sprach er erröthend, mit beben­der Lippe.