Heft 
(1885) 33
Seite
790
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Deutsche Noman-Bibliothek.

jetzt wo ich es mir überlege, ich könnte vielleicht sagen, sie Zeichnet mich aus. Ob sie aber einwilligt ich weiß es nicht, Helene ... ich fürchte es. . . und dennoch, schickte sie mich fort, es wäre unser Ende! ..."

Er schwieg und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen.

Entsetzlich!" flüsterte Helene und fühlte dann plötzlich einen Stich im Herzen, der sie beinahe laut aufschreien ließ: Egon ritt mit Marie spazieren, war täglich in ihrer Gesellschaft, sie zeichnete ihn aus wenn sie ihn nun liebte?

Der Gedanke, daß ein anderes Weib den Theuren lieben könnte, war ihr zu furchtbar; um ihn Zu fassen . .. zum ersten Male fühlte sie den scharfen Stachel der Eifersucht.

Aber sie faßte sich mannhaft, sie erinnerte sich an das, was sie sich eben noch gelobt hatte in Noth und Tod sein treuester Freund zu fein. Sie senkte das Haupt zum andern Male und weinte still und bitterlich. Sie wollte entsagen, ihn frei geben, und bräche es ihr das Herz. Die Schande, welche die Familie treffen würde, konnte er ohnehin nicht überleben. Und so richtete sie sich auf und nahm langsam seine Hände und begann leise zu sprechen, mit zitternder Stimme anfangs, aber all- mälig fester und zuversichtlicher, mit der Glut einer Märtyrerin. Sie gab ihn frei, sie vernichtete eigenhändig alle Hoffnungen, welche noch im Hinter­grund ihres Herzens geschlummert hatten, ja sie redete ihm sogar Zu, das tapfere Mädchen, sie befahl es ihm, als Sohn zu handeln, seine Pflicht zu thun; Gott würde es ihm lohnen, hier und im Jenseits.

Als er dann fort war, schrie sie laut auf vor Weh. Ihr schwindelte, sie fühlte, wie sich Alles mit ihr herumdrehte. Laufend erreichte sie das Haus und sank vernichtet in ihre Kissen . ..

Zuletzt rang sich die gequälte Seele frei, im heißen, selbstlosen Gebet, demüthig beugte sie ihr Haupt unter Gottes Willen und flehte zu ihm, daß er dem Geliebten beistehe, daß er ihn segnen und glücklich machen möge, auch ohne sie. Ihr eigenes Herz, ihre Liebe legte sie auf den Opferstein.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Gegen zehn Uhr am nächsten Morgen, das Wetter hatte sich aufgeklärt sandte Marie hinüber und ließ den Lieutenant fragen, ob es ihm genehm wäre, mit ihr auszureiten. Eine halbe Stunde später wurden die Pferde vorgeführt und sie stiegen in den Sattel. Mit Erstaunen bemerkte die schöne Reiterin das eigentümlich schweigsame Wesen ihres Begleiters, sein blasses Gesicht und seine düstere Miene. Da­bei war derselbe seltsam scheu und sah sie nicht an, als hätte er etwas gegen sie. Ihr Erstaunen wuchs, ja sie begann sich unbehaglich zu fühlen auf die Dauer. Dann plötzlich siel ihr ein, vielleicht war es der Kummer um Helene, wahrscheinlich eine neue Veranlassung zu Aerger, eine vernichtete Aus­sicht, wer weiß! Das Mitleid bekam schnell die Oberhand, sie begann mit ihm zu sprechen, während sie ihn aufmerksam beobachtete. Erst als

sie bemerkte, daß es ihm offenbar ein Zwang war, ihr zu antworten, schwieg sie ein wenig verletzt.

Sie bogen hinein in die herbstlichen Alleen des Hosgartens.

Bitte anzutraben," sprach er,etwas längeren Kandarenzügel und tiefere Handstellung."

Das war instinktmüßig; sie kannte das, er war ein gewissenhafter Reitlehrer.

Sie beobachtete ihn abermals. Er sah bisweilen zu ihr herüber, aber starr und wie in Gedanken ver­loren. Er war wie verwandelt heute.Was er nur hat?" dachte Marie beinahe besorgt. Sie schwieg aber und fragte nicht, und da er ebenfalls schweigsam blieb, so war es ein ziemlich peinlicher Spazierritt.

Nach einer Stunde kam man zu Haus. Er hob sie aus dem Sattel und überraschte sie mit einer Bitte; er ersuchte sie mit finsterer Miene und ohne sie auzuseheu, um ein Gespräch unter vier Augen.

Nach einem laugen, beobachtenden Blicke ver­setzte sie:

Kommen Sie um zwölf Uhr in den Salon, ich werde dort sein, Herr von Steinfurt."

Es ist offenbar, er verlangt deinen Rath oder Beistand in der Angelegenheit mit dem Onkel Leopold. Man sieht's ihm ja an, wie niedergedrückt er ist." So dachte sie, indem sie die Treppe Hinaufstieg, und war sofort entschlossen, ihm zu helfen. Sie be­gann, oben angekommen, sogleich mit Elisabeth davon Zu sprechen und Beide überlegten, wie man den groben, unangenehmen Mann zur Räson bringen könnte.

Von oben bis unten neu angezogen, den Säbel an der Seite, den Helm im Arm stand Egon seit fünf Minuten schon drüben im Salon. Er hatte sämmtliche Thüren desselben, bis auf den Eingang zu den Gemächern der Tante, verriegelt und starrte nun schweigend, mit fest aufeinander gepreßten Lippen aus die Diele.

Ein Rauschen, er blickte auf, Marie stand vor ihm. Sie bemerkte, wie er sich entfärbte und seine Brust sich hob. Sie sah auf seinen Anzug und den Helm und wurde mit jeder Sekunde er­staunter und beklommener.

Sie sehen, mein gestrenger Herr Präzeptor, ich halte Wort," begann sie trotzdem heiter das Ge­spräch.

So unglaublich, ja unmöglich es nach Allem, was sie wußte, ihr schien. .. wie Egon jetzt nach einer sichtlichen Anstrengung den Mund aufthat, noch ehe er gesprochen hatte, wußte sie, um was es sich handelte; wie ein Blitz fuhr ihr Zugleich der Ge­danke durch den Kopf: er opfert sich! Des Präsi­denten sorgenvolle Mienen, die Verzweiflung in Karola's Zügen, des Lieutenants plötzlich ganz ver­ändertes Wesen... sie zweifelte nicht einen Augenblick.

Aber sie erfaßte nicht Zorn, weil man sie zum Gegenstände einer Spekulation machte, sondern tiefes, herzliches Mitleid, denn sie achtete den Mann, der hier vor ihr stand, und hätte er nicht eine Andere, sondern sie selbst geliebt, wer weiß, ob sie nicht mit Freuden Ja gesagt hätte. Bei ihm waren es sicherlich keine unedlen Motive, welche ihn zu diesem Schritte trieben; man brauchte ihn bloß auzuseheu, tpie ver­härmt er war und doch fest entschlossen.