Die Erbtante von Johannes van Dewalt.
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warten wollten dieselben dieses Mal selbst gegen hohe Zinsen nicht, namentlich der Eine, der Zäheste von ihnen, drang auf Zahlung der ganzen Summe und drohte mit Klage. Die ganze Existenz der Familie stand abermals auf dem Spiele.
Der Präsident hielt sich kaum noch aufrecht; — Karola und er hatten lange Konferenzen. Du lieber Gott! Fünf Millionen im Hause und Zu Grunde Zn gehen, um lumpiger vierzigtausend Thaler willen Stellung und Ehre zu verlieren, mittellos dastehen hernach — schlimmer wie ein Bettler!
Karola hatte längst versichert, ihr Armband opfern zu wollen; der Werth desselben betrug aber nur achttausend Thaler, und es hergeben wäre ja doch nur gleichbedeutend gewesen mit der Erzwingung einer andern Galgenfrist. Der Vater verbat es, ebenso den Vorschlag, mit der Tante zu sprechen und diese um Deckung anzugehen. Die alte Frau mußte längst ahnen, wie es hier im Hause aussah ... hatte sie überhaupt Lust Zn helfen, dann hätte sie es schon gethan. — Er wollte seinen Kindern die letzte Stütze nicht rauben.
Am zweiten Tage nach feiner Rückkehr hatte der Präsident mit Egon eine lange und geheime Unterredung, blaß, den Hellen Angstschweiß auf der Stirn, aber mit einer entschlossenen Falte zwischen den Brauen verließ der Dragoner das Haus, stieg später hinauf auf sein Zimmer und schrieb einen Brief.
Am Abend desselben Tages ging Egon in Civil- kleidern, den Hut tief im Gesicht, der Vorstadt zu. Mit Erstaunen sah er in einer der besseren Straßen der Vorstadt seinen Bruder Egbert im Regen auf und ab patrouilliren, kaum daß er Zeit hatte, demselben auszuweichen.
E'n bitteres Lächeln zuckte um seine Lippen und seine Fäuste ballten sich, ein solches Weh durchzuckte ihn: sein Bruder ging hier aus leichtfertige Abenteuer aus, während er den schwersten Gang seines Lebens zu machen im Begriff war — er wollte Helene sagen, daß man ein Opfer von ihm verlange
— das, ihr Zn entsagen. Die Gartenpforte knarrte, er umfing die Geliebte und trat mit ihr in den kleinen Pavillon, der hinausschaute aufs Feld, auf dasselbe Stück Erde, über welches damals ihre Blicke hinstreiften, als sie dort drüben im Grase saßen, voller Hoffnung noch und Zutrauen, und über die üppigen Halme hinweg, welche der Wind wie Meereswellen bewegte, dem uralten Freund der Liebenden, dem Monde, in's hellleuchtende Angesicht sahen.
Egon's Hand zitterte in der der Geliebten; sie war zum Tode erschrocken, sie suchte trotz der Finsterniß in seinen Augen zu lesen. — Heute Nachmittag hatte sie seinen Brief erhalten: er müßte sie nothwendig sprechen, in einer dringenden, hochwichtigen Angelegenheit; sie möchte ihm diese Bitte nicht abschlagen.
— Es war nicht die Sehnsucht, die ihn zu ihr trieb, wie in glücklicheren Tagen, es war die Noth, der Zwang, ein Muß, sie fühlte das mit dem Instinkte des liebenden Frauenherzens aus seinen kurzen Zeilen heraus. In Folge dessen verbannte sie alle Bedenken und schrieb ihm, sie erwarte ihn an der Thüre des Parks.
Sie verbrachte die Zeit bis zu der festgesetzten
Stunde in Angst und Zagen; zog sich ein neues Unwetter über ihren geprüften Häuptern zusammen? hatte es abermals Streit gegeben mit dem Vater, der nach wie vor bei der Tante vorsprach, ans Angst und um nicht in den Hintergrund gedrängt zu werden in deren Gunst? An der Art, wie er ihr entgegentrat, an seiner Umarmung, an dem Zittern seiner Hand fühlte sie es deutlich, ihre Befürchtungen waren nur zu wahr; — freilich auf das, was folgte, war sie nicht gefaßt!
„Was hast Du auf dem Herzen, sprich!.. . Du bist kalt wie Eis, Egon," drängte Helene, welche die Unruhe verzehrte.
„Viel, Helene... ach, und sehr Schlimmes!" versetzte er bitter, mit vor Empörung und Schmerz fast heiserer Stimme . . . „das Schlimmste . . . Wär's der Tod! ..."
„Um Gottes willen, Egon! — was sprichst Du?" rief Helene blaß, heftig erschrocken.
„Ja, — der Tod wäre eine Erlösung dagegen ... bei meiner Ehre! — denn was ist das Ende gegen ein langes Leben voll Qual!... O, Du mein Liebling, Du mein Alles! ..."
Der starke Mann umarmte das schwache Mädchen, lehnte seinen Kopf an ihre Schulter und schluchzte laut, wie ein Kind, so heftig übermannte ihn der Schmerz.
„Ein Leben voller Qual?" fragte Helene langsam, indem sie den Geliebten zitternd an ihre Brust drückte und augenblicklich der Entschluß in ihr reifte, an seiner Seite zu stehen, um jeden Preis; wäre er in Gefahr oder Noth, Alles mit ihm zu theilen.
— Mitleid, tiefer Schmerz und Opferfreudigkeit erfüllten ihr Inneres, während sie Egon küßte, ihr: mit ihren Thränen überströmte und ihn tröstete, trotz Angst und Zagen, so gut sie konnte. Nach einer Weile hatte er sich gefaßt und richtete sich aus.
„Sag' mir Alles . . . o laß mich nicht länger in dieser Angst!" bat sie und schmiegte ihre Wange an seine Hand. — Er zog die Geliebte an sich heran und schilderte ihr die Verhältnisse der Seinen. Sie waren Helene durch die Sarkasmen und Mittheilnngen des Vaters gut genug bekannt. Er theilte ihr mit, daß es nur noch eine Aussicht auf Rettung gäbe für seinen Vater, für die Seinen und auch für ihn, — daß man ein Opfer von ihm verlange, und welches!
Sie bebte leise und schwieg, den Kopf tief herabgesenkt auf die Brust saß sie da, wie eine Blume, die ein achtloser Hieb mit einem Stecken plötzlich vernichtete. — Ihr Herz stand still, sie meinte Zu vergehen, so heftig war der Schmerz. — Ihn lassen!
— ihn zu wissen an der Seite einer Andern, die er nicht einmal liebte obendrein... Er elend, sie elend — ein langes, freudloses Dasein!.. . Entsetzlich! ...
Dann fühlte sie plötzlich eine Helle Freude; einen Jubel im Innern.
„Aber wird Marie Deinen Antrag annehmen?" ries sie und erfaßte mit beiden Händen seinen Arm. Ihr zarter Busen hob und senkte sich stürmisch . . . Ein Sonnenblick!
„Ich weiß es nicht," versetzte er dumpf. „Fräulein Werner ist freundlich zu mir... wäre ich eitel,