Heft 
(1885) 33
Seite
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Deutsche Noman-Sibliothek.

läufig nicht, denn seine Liebe, nach dem, was am Ballabend vorgefallen war, dünkte Egon hoffnungslos und ebenso war die liebliche Helene seitdem von der tiefschmerzlichen Ueberzeugung erfüllt, daß Entsagung ihr trübes Loos sei, bei der Feindschaft ihres Vaters gegen die Verwandten, denn niemals fiel es dem braven Mädchen ein, daß sie warten könnte, bis dieser todt sei. Sie weinte sich im Stillen die Augen aus über des Vaters harte Worte, sie schrieb an Egon, bat, ihm zu verzeihen, und tröstete ihn, aber wagte nicht ihn zu sehen.

Ein ferneres Hinderniß war, daß Egon zu den Herbstrennen mußte, um dort die Ernte zu halten, von welcher er lebte. Die Zeit war also zu kurz, um auf ihn einznwirken. Ebenso näherte sie sich Helene und war insofern auch dort der gute Geist, als sie die Gebeugte tröstete, durch ihr heiteres, teil­nehmendes Wesen sie aufrichtete ohne natürlich von dem zu sprechen, was sie entdeckt hatte. Es gelang ihr auch, vor der Abreise Egon's ihm ein Zusammentreffen mit der Trauernden zu verschaffen, indem sie Helene persönlich abholte, unter dem Vor­geben, die Tante habe Sehnsucht nach ihrer Nichte, und es dann so einzurichten wußte, daß die Beiden ans neutralem Terrain zusammentrafen, nämlich unten im Garten, wo sie Niemand störte.

Der Onkel Leopold gab hernach ein höchst luxu­riöses Fest, während Egon fort war, auf welchem die Tante für eine Stunde erschien, in großer Pracht, aber wortkarg, von ihrem Augenleiden geplagt, und dann wieder verschwand. Die alte Dame war über­haupt mehr und mehr für Niemanden sichtbar und verkehrte nur des Morgens und durch ihre Gesell­schafterin mit der Außenwelt. Für diesen Zwang entschädigte sich aber Elisabeth reichlich als Miß Herford und vor Allem als Elise Wild. Letztere war jetzt fast alle Abend mit ihrer Freundin im Theater, während die Begum schlief, auch war sie einige Male im Hause des Präsidenten.

Um den Diplomaten von ihrer Fährte fern zu halten, der leicht unbequem werden konnte, hatte Marie diesen mit der ganzen Schlauheit des Weibes in eine tiefe Herzensangelegenheit verstrickt: seltsame, feurige Briefe kamen an diesen seit einiger Zeit, eine Unbekannte stammelte ihm ihre Liebe in Prosa und Versen und bat ihn, da und dort hinzukommen, natürlich stets am entgegengesetzten Ende der Stadt. Sie müsse ihn zum wenigsten sehen, sich an seinem Anblick weiden, wenn sie ihn auch jetzt nicht sprechen könnte. Aber eines Tages würde sie frei sein und ihm ganz gehören dürfen! Sie sandte ihm die herrlichsten Photographieen, aber alle mit bis zum Munde abgeschnittenen Köpfen, so daß er nur ein jugendliches Kinn, den schlanken Hals und eine prachtvolle, reizend gekleidete Gestalt vor sich sah. Der Name des Photographen war mit pein­licher Sorgfalt entfernt. Ein Lohndiener brachte, wenn er fort war, bisweilen herrliche Bouquets für ihn. In einem andern Briefe lag eine blonde Haar­strähne; ein Medaillon mit einem Porträt, ohne Kops, kam durch die Post in seine Hände, so daß er also auch greifbare Beweise jener Liebe hatte, ja man bat ihn sogar mit den glühendsten Worten

um eine Locke von sich postlagernd! Zu sehen bekam er jene Unbekannte nie, und so kam es, daß diese Jntrigue ihnfabelhaft" aufregte und er stundenlang und bei jedem Wetter drüben in der Vorstadt, im Villenviertel herumpatrouillirte, immer in dem Gedanken, hinter irgend einem seideneu Vor­hänge stehe ein reizendes Weib, glühend vor Liebe, und schaue auf ihn. . .

Während Jener dort auf und ab ging, waren die beiden Damen in ihrer Loge und der glückliche Doktor war der Dritte im Bunde. Nach der Vorstellung fuhren sie Alle zu einem Restaurant und aßen fröhlich zu Abend. Mit Vergnügen bemerkte Marie, wie die Beiden immer mehr Feuer fingen, wie der Doktor wahre Gluten strahlte aus seinen sonst so ernsten Augen, und Elisabeth aufblühte wie eine Rose im Mai. Es war nur eine Frage der Zeit, es war klar, daß eine Erklärung erfolgen mußte. So ernst und so wenig von sich eingenommene Leute, wie Rudolph Arnstein, sind fast immer ein wenig um­ständlich, ehe sie den entscheidenden Schritt thun. Der Doktor war nicht in der Uebuug im leichten Verkehr mit Frauen, wie so viele andere junge Leute. Die wahre Liebe macht ja auch schüchtern; außer­dem, Arnstein wollte der so heiß Geliebten Zeit geben, ihn erst genauer kennen zu lernen. Er kannte ihre Verhältnisse nicht, sie sprach niemals von sich selbst, aber er hätte sie Zu seinem Weibe genommen, auch wenn sie eine Bettlerin gewesen wäre. Sie hatte ihn gebeten, nicht nach Blasewitz hinauszukommen, sie reise in wenigen Wochen ab, hatte sie gesagt, aber sie käme wieder, vielleicht im Lause des Winters noch, und würde sich sehr freuen, ihn dann in ihrer eigenen Behausung zu empfangen.

Der Doktor hatte sich das überlegt.Ich werde warten bis zum Wiedersehen," sagte er sich,die Gegen­wart genießen und benützen, um ihr einen Einblick in mein Inneres und in meine Verhältnisse zu ge­währen, und ist sie dann noch so wie heute, daun will ich's wagen."

Es waren das glückliche, aber auch ernste Tage, aufregend ganz besonders für Elisabeth, welche in der fortwährenden Furcht lebte, er könnte sprechen und sie wäre dann zu einer Erklärung gezwungen, ob­gleich sie im Grunde doch nichts Sehnlicheres wünschte, als dem geliebten Manne eine solche geben zu müssen.

Achtnndzwanzigstes Kapitel.

Gegen Mitte November kam Egon von den Rennen zurück; er hatte ansehnliche Geschäfte gemacht, zwei erste Preise gewonnen und etliche zweite und dritte. Er konnte zufrieden sein, denn namentlich Pierrot versprach ein Matador zu werden. Aber seine Stirn blieb umwölkt und finster, er war in einer tief darnieder gedrückten Stimmung. Der Gedanke, Helene entsagen zu müssen, zehrte ihn auf, den starken Mann.

Seine düstere Stimmung paßte ganz zu den Mienen der Seinen, denn im Vaterhause herrschte wieder einmal die größte Noth: am Fünfzehnten war der Termin, bis zu welchem die Gläubiger des Präsidenten sich hatten vertrösten lassen. Länger