Die Erbtante von Johannes van Bemalt.
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hatte sie es deutlich — ach! so überzeugend deutlich gefühlt, was er ihr war. — Mit ihm ging die Sonne unter, und was sie nachher that, es war nur, um sich zu betäuben. — Sie fühlte auch, es mußte das' letzte Mal gewesen fein; ihre Rolle war nun ausgespielt, sie hatte keinen triftigen Grund mehr für ihr Spiel, — es fehlte plötzlich an jeder Entschuldigung vor sich selbst. Sie kannte ihre Verwandten nun genau genug, um zu wissen, was sie von ihnen zu erwarten hatte, sie waren nicht schlechter und nicht besser als der Durchschnitt der Menschen, der Onkel Leopold und Egbert ausgenommen, welche sie lebhaft abstießen. Dafür aber hatte sie ein Juwel gefunden, einen edlen, charaktervollen und schönen Mann, der sie liebte, ohne zu ahnen, wer sie war; ohne Flecken und Egoismus war seine Seele und hoch sein Sinn — ein Mann, an welchem ein Weib liebend und demüthig emporblicken konnte. Diese Liebe machte sie reicher, als all' ihr Geld.
Er hatte ihr nichts gesagt, mit keinem Wort, mit keiner Miene, aber seine Augen und seine Unruhe hatten ihn verrathen. — Sie hätte kein Weib sein müssen, um es nicht Zu wissen. — O, er liebte sie — er liebte sie!.. .
Nun war die Welt wie verändert mit einem Male, nun zog es sie hin zu ihm, nun begann sie zu überlegen, zu hoffen und — zu fürchten. — Wie würde er, der ernste, ehrenfeste Mann, von ihr denken, wenn er erführe, wer sie war, daß sie mit ihm und Anderen eine solche Komödie gespielt? Würde er ihre Gründe ehren, würde er ihr Benehmen billigen, würde er, Rudolph, der Menschenkenner, der ernste Arzt, sie noch lieben und achten können, wenn er erfuhr, wie sie ihn hintergangen hatte, — wie sie sich verstellen konnte?
Der Gedanke plagte sie während der ganzen folgenden Nacht und raubte ihr den Schlaf. Bald hätte sie laut anfjauchzen mögen vor Glück und Seligkeit, bald weinte sie still in ihre Kissen.
Marie hatte ihre liebe Noth mit ihr am nächsten Morgen, um sie zu beruhigen und es ihr auszureden, sofort Erklärungen Zu geben.
„Wenn Du in des Doktors Nähe bleiben willst, so bleibt Dir nichts Anderes übrig, als noch ein wenig die Erbtante zu spielen," stellte sie ihr vor, „die Schuld, welche Du Dir aufbürdest, wird dadurch nicht größer. — Nur würde ich Dir rathen, Dich möglichst wenig als solche der Familie und dem Vetter Zu zeigen. Du magst die Angegriffenheit Deiner Augen vorschützen."
„Wohlan, es sei!" versetzte Elisabeth nach längerem Ueberlegen, — „ich folge Deinem Nathe, ich bleibe noch, aber ich bin wie der Vogel aus dem Dache, denn ich fühle es, meine Zeit ist abgelaufen."
Marie handelte mit gutem Bedacht: diese Liebe war noch ein bischen neu, es konnte nicht schaden, wenn sie sich mehr befestigte. Je näher der Doktor ihre Freundin Elise Wild kennen lernte, um so weniger würde er hernach Anstoß nehmen an ihrer Komödie im Interesse einer guten Sache. Sie fügte ja Niemand außerdem ein Unrecht damit zu, im Gegentheil, sie spielte nicht wenig die gute Fee zu
gleich in diesem Hause. — Sie wollte dafür sorgen, daß Elisabeth jetzt häufiger mit dem Doktor zusammenkam, als bisher.
Während sie hinunter ging in den Garten, um sich nach dem Befinden der Familie zu erkundigen, trat Egon in den Hof, finster blickend und ohne sie zu sehen. Sie näherte sich ihm und machte sich ihm bemerklich.
„Ei ei, Herr Lieutenant, so finster, und das nach einem Ball?" fragte sie. „Gestatten Sie, daß ich Ihnen einen guten Morgen wünsche..."
Der Offizier wurde roth und bat um Entschuldigung. Er wäre in seine Gedanken vertieft gewesen und hätte sie nicht gesehen.
„Sie wollen ausreiten?" fragte sie weiter.
„Ja wohl, mein Fräulein."
„Zum Dienst?"
„Nein, nur ein wenig spazieren. Es ist so schönes Wetter."
„Sie Glücklicher! — Wie gern möchte ich auch zu Pferde sitzen und die Welt durchstreifen!"
Er sah sie an, — er maß sie, ohne es zu wissen, beinahe militärisch von Kopf bis zu den Füßen.
„Sie haben noch niemals geritten?" fragte er.
„Pardon, mein Herr! ich nahm einst vierundzwanzig Reitstunden in Wien."
„Das ist allerdings nicht viel." — Er blickte sie noch einmal an. — „Aber wenn Sie befehlen, das heißt wenn es Ihnen Freude macht, Fräulein Werner, mein eines Dienstpferd ist als Damenpferd geritten. Ich stelle dieß und mich selbst Ihnen ganz Zur Verfügung."
Die Verführung war groß, Marie widerstand ihr nicht.
„Ich danke Ihnen aufrichtig," antwortete sie, „es wäre das in der That eine große Freude für mich. Aber ich besitze kein Reitkleid," fügte sie plötzlich hinzu.
„Meine Schwester Karola ritt früher; — sie ist mit Allem versehen. Ich fürchte nur, es wird Ihnen nicht passen."
„O, ich brauche nur den Rock — das Uebrige ließe sich leicht arrangiren," erwiederte Marie fröhlich.
„Wie gesagt, ich stehe zu Befehl — ich werde gleich satteln lassen."
Nun ergriff plötzlich die Furcht das Herz der jungen Dame.
„Gleich in's Freie? — das wage ich nicht. — Wenn ich erst etliche Male in der Bahn reiten könnte."
„Mit großem Vergnügen. Vielleicht heute Nachmittag?"
„Von Herzen gern."
„Dann um vier Uhr."
„Um vier Uhr — ich werde bereit sein und mich hoffentlich nicht zu ungeschickt anstellen. Schönen Dank im Voraus."
Seitdem ritten die Beiden miteinander; Marie machte sich ein wenig zu dem Kameraden des Dragoners und wurde allmälig seine Vertraute. — Sie fand täglich mehr Gefallen an dem geraden, tüchtigen Manne; sie hatte sich vorgenommen, ihn Zu trösten und ihn, wenn möglich, und Helene glücklich zu machen. Beides gelang ihr nun freilich vor-