Die Integration des Alltäglichen in die Lyrik gehört zu den bedeutsamen Leistungen Fontanes.. Ansätze dazu gibt es bereits davor, etwa im Spätwerk Goethes oder bei Heine. Aber Fontane treibt sie doch mit einer neuen Entschiedenheit voran, jüngeren Lyrikern wie Kästner oder Brecht darin sicher verwandter als Zeitgenossen wie Geibel oder Meyer. Es gibt im Spätwerk Fontanes Gedichte, die ganz aus der Thematik des Alltags erwachsen, und andere, in denen der Rekurs auf den Alltag immerhin zu einem gewichtigen Element der Aussage wird. Letzteres trifft auch auf unser Gedicht zu, bevor es vor allem im letzten Teil ganz bewußt einen Kontrapunkt aufbaut, der uns noch beschäftigen wird. Mit Alltag sind dabei zunächst die aufgerufenen Vorstellungsbereiche gemeint. V. 14 zitiert ausdrücklich den „Alltag“ des Schriftstellers. Gegenwärtig wird er in typischen Requisiten wie Glocke und Telefon, in typischen Bequemlichkeiten und Sorgen. Das Stereotype definiert ihn: das, was so oder ähnlich „jeden Tag“ (vgl. V. 22) geschieht oder vermieden werden kann und in den generalisierenden Aussagen die Folge der Tage gleichsam auf einen Nenner bringt. Die Prosa des Alltags haftet auf andere Weise jenen halb honorigen, halb zwielichtigen Existenzen an, die V. 31—38 als Umgebung des Schriftstellers aufgerufen werden. Doch wenn vom Alltäglichen in der Lyrik Fontanes die Rede ist, so ist damit nicht nur das Vergegenwärtigte selbst, sondern mindestens ebenso die Weise der Vergegenwärtigung gemeint. „Sagen Sie, sind Sie dem lieben Gold ... “ (V. 1); „Und ich sage dann ,ja‘ und sag’ auch ,nein“‘ (V. 8); „Sonst bin ich für Brot in die Suppe brocken“ (V. 54): in solchen und ähnlichen Wendungen nähern sich die Verse bewußt der Umgangssprache. „Verwandtenhaufen“ (V. 15), „Hoppegarten barone“ (V. 36), „Brot in die Suppe brocken“ (V. 54): so ungenierte Worte, Wortbildungen und Wendungen signalisieren die Abkehr von allem Pathos und den Höhenlagen der Sprache. Ähnliches gilt für Bilder wie „Spatzenflug“ oder „Scheunentor“ (V. 10 f). Auch die Dominanz der lakonisch-reihenden Parataxe bestätigt, daß eher die Annäherungen an die Umgangssprache gesucht sind. In allem dokumentiert die Handhabung der Sprache ein Moment der Lässigkeit, das sich auf seine Weise auch im Umgang mit den Elementen des Gedichts niederschlägt. Die Verse ziehen sich auf das Einfachste zurück: Versgruppen unterschiedlicher Länge, den Paarreim, den Knittelvers, der den Anschein der Kunstlosigkeit begünstigte und mit seinen Füllungsfreiheiten prosanahem Sprechen entgegenkam. Es fragt sich, ob eine solche Nähe zum Alltag nicht die Gefahr bedingt, das Nebensächliche und Belanglose hervorzukehren und jene Dimension des Zeitgeschichtlichen und Politischen einzuschränken, die eben noch behauptet wurde. In Wahrheit ist eher das Gegenteil der Fall und gewinnen die Verse eine neue Dimension kritischer Zeitbezogenheit hinzu. Denn unterschwellig setzen sie solches Bescheiden doch in Beziehung zur Thematik von Ansprüchen, die der Kritik nicht standhalten. Ihnen gegenüber bewährt das Gedicht gerade in den Annäherungen an den Alltag ein Klima der Ehrlichkeit und Prätentionslosigkeit, in dem sich Lüge und Selbsttäuschung nicht halten können, eine Kontrastposition, die die nach außen gerichtete zeitkritische Demaskierung entscheidend fundiert.
Auch der Anschein von Kunstlosigkeit trügt. Schon die hohe Bewußtheit
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