Kinder der Flamme van Günther von Freiberg.
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chen und ein halberstickter Seufzer entglitt dem zarten Busen. Sie wußte sich beobachtet und rührte die Nadel, doch ahnte sie nicht, was sie stichelte.
„Denn wenn sie euch zu Gefallen in das verwünschte Forsthaus mitgeht, so rührt sie keinen Fuß.
„Sie trägt noch Halbtrauer um ihre selige Mutter."
Der tiefen Röthe folgte Todesblässe auf May's Wangen; unwillkürlich drückte sie eine Hand aus das pochende Herz; tiesbeschämt senkte sie die langbewimperten Augen.
„Mein engelsgutes Mütterlein, verzeihst Du mir?" hauchte sie leise vor sich hin und schüchtern wendete sie den Blick himmelwärts, lichtblau strahlte der Frühlingsäther aus sie herab, tausend blaue Augen schienen durch das Gezweig der Laube hereinzublicken, May fühlte sich erleichtert und wehmuth-sreudig getröstet.
„Na, wird es ein Ende nehmen mit dem Schuh- anprobireu?" gurgelte im Zimmer die Tante weiter, — es klang wie das Glucksen eines heiser gewordenen Kollerhahns, -- „werdet ihr euch endlich in den Obstgarten hinausbemühen oder soll Mylord heute ohne Ananaserdbeeren speisen?"
Polly, die Jüngste, entgeguete:
„ Es ist noch viel zu früh, die Beeren zu pflücken. Die Herrschaften setzen sich erst gegen Mitternacht zu Tische."
„Nun, fix die Schuhe beiseite. Ob sie passen oder nicht, morgen wird nicht Zn Tanze gegangen. Nein, zerrt nicht an mir herum, — ei, ihr reißt mir die Kleider aus den Falten."
„Versilberte, vergoldete, zuckersüße Tante Bell!"
„Nichts da! auch euer Vater ist skandalisirt über das viele Tanzen und Wildern, hätte er den Jesus Sirach besser auswendig gelernt und dessen goldene Erziehungsregeln beherzigt —"
„Um Entschuldigung, Tantchen! Des Pfarrers Töchter besuchen doch am eifrigsten unsere ländlichen Bälle."
„Ich sehe schon, daß ich die verwünschten Schuhe in Verwahrung nehmen muß!"
„Halt, halt! vergessen Sie denn, daß morgen Abend Seine Herrlichkeit —"
„Schreit mir nicht so in die Ohren, Kinder, mir zerspringt der Kopf!"
„Daß Seine Herrlichkeit in höchsteigener Person unserem Ringelreihen zuschauen will?"
Draußen erröthete May wiederum, glücklicherweise sah es kein profanes Auge.
„Ihr blödsinnigen Diuger," höhnte die angenehme Verwandte, „beißt immer noch an, wenn euch der Köder hingehalten wird... ja, schnappt nur, schnappt darnach, bis der Odem euch versagt."
„Dießmal hat Bob darauf geschworen."
„Bob ist der leichtsinnigste Hasenfuß und großartigste Ausschneider von ganz Britannien, vermutlich fließt in seinen Adern irisches Blut, — woher käme sonst seine Nichtsnutzigkeit? — Mylord, der euch Backfischen und grünen Jungeus niemals die Ehre angedeihen ließ, beim Hopfenerntefest Zu erscheinen, der wird sich mir nichts dir nichts nach dem Forsthause begeben?!"
„Wetten wir?"
„Ich wette nie . .. das ist eine Krankheit meines Landes, der ich nie verfiel," — stolz sprach es Anabella, räusperte sich und fuhr alsbald im Geschwindmarsch- Tempo fort: „Aber begreift ihr denn nicht, Winny und Polly, daß Mylord allem Tanzen feind ist wegen seines Fußes?"
„Aha, nun läuft es drauf hinaus, daß unser engelschöner Lord einen Pferdefuß hat," lachte die dralle Polly.
„Na, richtig ist es nicht damit," bestätigte Miß Anabella.
„Sehen die Teufel so himmlisch aus," fiel Winny ein, „dann getrost hinab in den höllischen Bratofen!"
„Und lieber heute als morgen," machte Polly.
„Ich sah zu Nottingham eine Schilderei," nahm Winny eifrig das Wort, „der Traumgott war darauf abgebildet... grad' so schaut unser junger Gutsherr aus."
„Und in Lady Oxford's Musikzimmer zeigte uns der Kastellan einen Marmorkopf, — irgendwo in Italien hat man ihn ausgegraben, in der Stadt, wo der Papst wohnt — Mylord hat dasselbe vornehm schöne, traurige Gesicht."
„Fiddlestick und kein Ende," spritzte die Tante das Gift ihrer Mißbilligung dazwischen. Doch Polly sprach unbeirrt weiter:
„Gestern ritt er an mir vorüber, eine Waldblume zwischen den schimmernden Perlenzähnen, wie liebreich er nickte!"
„Und doch," behauptete die nußbraune Winny, „soll er noch lange nicht der Schönste jener vornehmen Tafelrunde sein."
„Saubere Tafelrunde! sag' lieber: Narrengilde, Du thörichte Kreatur.. . Sitzen zu Tische mit Gespenstern und Unholden, die sie heraufbeschwören durch kabbalistischen Hokuspokus."
Die Mädchen redeten miteinander weiter, als wäre die gestrenge Tante gar nicht länger anwesend.
„Zum Beispiel," sagte Winny, „der junge Mensch, der Seine Herrlichkeit immer begleitet wie ein Schatten, sieht hübscher und rosiger aus, als irgend eine Lady."
„Ja, das ist ein feines Bürschchen, wie ans Porzellan geformt," erwiederte Polly sinnend, „aber noch allzu zart und knabenhaft. Sie erzählen: Mylord habe ihm Franenkleider machen lassen, — zum Spaße nur! — in einer Chemise aus Gaze mit blauer Seide gefüttert soll der kleine Gentleman zum Küssen niedlich ausseheu."
Hoch aufgerichtet stand die knöcherne Anabella vor ihren „entarteten" Nichten.
„Nun, das muß wahr sein," rief sie in höchster sittlicher Entrüstung, „bei solcher Herrschaft, die nichts als Unsinn treibt, konnten die Untergebenen nicht besser gerathen. Bob ist längst reis."
„Mylord ernannte ihn zum Pagen und behandelte ihn wie einen Bruder," triumphirten die lustigen Mädchen des Sherwoodsorstes.
Die bibelfeste Tante ächzte vor sich hin: „Der Herr wird dich schlagen mit Schwulst, Fieber, Hitze, Dürre, giftiger Luft und Gelbsucht, und wird dich verfolgen, bis er dich umbriuge!"
„Wo nur die Botenfrau mit unseren Handschuhen bleibt?" sagte Winny.