Heft 
(1885) 36
Seite
844
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Deutsche Roman-Bibliothek.

Und mit meinem reparirten Granatenarmband!" sorgte Polly.

Und wirst ein Scheusal," deklamirte Anabella aus dem fünften Buche Mose weiter,und ein Sprüch- wort und Spott sein unter allen Völkern, da dich der Herr Hingetrieben hat."

Was nimmst Du für Blumend" erkundigte sich Winny bei der Schwester.

Allerlei bunte juchhei!"

Anabella watschelte entenartig auf ihren schief­getretenen Hackenschuhen von dannen.

Still ward es im Pächter-Häuschen.

Dem ungewöhnlich schwülen Maitage folgte ein erquicklich kühler Sonnenuntergang. Brennendes Rosen- roth flammte am westlichen Horizonte über den dunklen Kronen der Eichen und Tannen. Von ferne läuteten Vesperglocken. Eine Schafheerde kam vom Abhange herab und folgte dem Hirten zu Thale. Alles war Frieden in dieser Feierstunde. Die Erde schien wie getaucht in stilles Glück.

Nur in May's jungem Herzen war keine Ruhe, keine Stille eingezogen, stürmisch pochte es in seiner innersten Knospentiese.

Darum sprang sie so hastig von ihrem Sitze auf, warf in fiebernder Eile ihre Handarbeit in ein Körbchen, noch eiliger ein Tüchlein um die Schultern, angsthaft nach den Fenstern des Hauses spähend, und stürzte wie ein gescheuchtes Reh dem Walde zu. Was that es, daß Weidenzweige und Brombeerstauden ihr an die Wangen schlugen, die weißen Arme ritzten, daß die schmalen Füße in sehr seinen Schuhen Hoffart! an spitzige Kieseln stießen, daß der Athen: ihr verging und das wilde Toben in der Brnst ihr fast die Besinnung raubte? Nur weiter, nur vor­wärts! Hätte sie sich doch wonneschauernd die Adern geöffnet, ihr junges, glühendes Leben Hinzuströmen, nur um sterbend noch einmal seinen Blick einzusaugen.

Mitten durch's Dickicht schlüpfte sie mit Elfen­geschmeidigkeit, um einen tieserliegenden Waldbruch zu erreichen, welcher mit Weiden, Birken und Erlen angefüllt war und eine wahre Wildniß im Forste bildete. Rothspechte, Amseln und Finken Zwitscherten einander geräuschvolle Abendgrüße zu. Blauglitzernde Libellen hingen schlaftrunken an hochblühenden Königs­kerzen.

In dieser Niederung hielt May ihren Lauf an, sie war allein unter den frisch belaubten Bäumen, noch hatte ja die verabredete Stunde nicht geschlagen, dennoch griff es augsthast in ihr wundes Gemüth, daß nicht schon liebender Hauch ihre Stirn umwehte, und heiße, unersättliche Jünglingslippen ihr unter Küssen Süßes zuflüsterteu.

Welche Pein, statt dessen nur die geschwätzigen Vögel, das Gurren der Holztaube, das Rieseln des Bächleins zu hören!

Ungeduldige Thräneu quollen aus den vergiß­meinnichtblauen Augen und dämpften momentan ihr Liebesfeuer.

Wenn er mir treulos wäre? wenn man den Hochgestellten verspottet hätte wegen seines Liebchens niederen Standes?! wenn ich ihn nie wiedersähe?" so zerquälte und zermarterte sich das arme Köpfchen.

Mayflower!" rief es nun in der Ferne.

Charlie!"

Ein gegenseitiger Jubelrus und sie stürzten ein­ander entgegen,wie zwei Flammen sich ergreifen," leis' erzitternd lag das glückselige Kind, lagMai­blümchen" am Halse des athemlosen Studenten von Cambridge.

Letzterer, ein herrlicher Jüngling, hoch aufgeschossen, blondgelockt wie König Harald, erinnerte nicht au unnahbare Marmorschöne, wie es bei seinem Freunde, dem jungen, räthselhaften Lord, der Fall war, sondern an Alles, was Leben, Wärme, Klarheit spendet, was beglückt und hinreißt. Charles Skinner Mathews nennen wir ihn bei seinen: richtigen Namen wirkte harmonisch auf seine Mitmenschen, denn er war nicht innerlich zerrissen; eine gesunde Seele be­wohnte seinen schönen, gestählten Körper. Sinnvolle Heiterkeit, Uebermuth, der nicht verletzte, der be­zauberte, strahlten aus den leuchtenden Tiefen seiner Augen, von seltener, zwingender Schönheit waren sie, diese Augen: tiefgrün wie Smaragde, wie Seen im Gebirge.

Was Wunder, daß May und Charles, diese beiden liebenswürdigen Menschenbilder, einander ge­funden hatten, wie sich im Lenz die Blüten finden und paarweise dahiutreibeu auf Sonnenstäubchen und milden Lüften?

Täglich trafen sie sich um diese Stunde in: Erlengrund.

Was dereinst werden sollte? darnach fragten sie nicht, Zukunftspläne schmiedeten sie nicht. Konnten die Blätter sich herbstlich färben, gar herabsallen? hatte der Winter Einlaß in: Feenlande, woMay­flower" und ihr Liebster sich Brnst an Brust preßten und sich halb todt küßten? Unmöglich!

Waldeszauber, wie dürftig, wie aller Weihe bar sind Zusammenkünfte in den vier beengenden Mauern eines Zimmers gegen solch' ein Stelldichein auf beschatteten, moosbedeckteu Pfaden! wie herzt sich's und flüstert sich's gut in der Dämmerung unter überhängenden Zweigen! würzige Düfte verkünden stilles, geheimnißvolles Glück, wilde Blumen neige:: zärtlich ihre Kelche und öffnen sie schmachtend einem vorübergleitenden Sonnenstrahl, ein träumerischer Hauch zittert über Gräsern und Halmen, Waldeszauber, du führst die Seele in's verlorene Paradies zurück!

Und kommt ihr morgen, kommt ihr wirklich nach dem Jägerhause?" fragte May den geliebten Studenten, der, aus einen Baumstumpf hingekauert, das Lockeuhaupt in ihrem Schooße barg.

Wir kommen," lächelte er wie in: Traun:, wir kommen... er soll mein Maiblümlein bewundern, sie mir beneiden."

Denn er haßt mich?"

Er ist eifersüchtig zun: Exzeß, dieser menschen­scheue, absonderliche, von Grillen, oft von Furien Gequälte! Keine leichte Ausgabe, fürwahr, mit ihm auszukommeu! Dennoch so eigenwillig, so un­bändig er sein mag, so viel wir Freunde durch seine momentane Willkür leiden, so gibt cs doch in ganz England Keinen, der es verdiente, mehr bewundert und bemitleidet zu werden, als George."

Ich weiß. Du denkst groß und begeistert von Mylord," versetzte die feinfühlende May, deren richtige