gehört, wie sie hier in Erscheinung treten. In den unterschiedlichsten Abtönungen gibt sie sich zu erkennen: als selbstironisches Raisonnement, als schalkhafte Übertreibung oder doppelbödige Argumentation, im Spiel der Wertungen und Umwertungen, als Bereitschaft zu lachen, ohne die kritische Haltung aufzugeben. Sie trägt entscheidend dazu bei, die Dis- paratheit der aufgerufenen Zeit- und Weltbezüge zu einem Ganzen zu vermitteln. Von einer epigonal und erbaulich gewordenen Erscheinungsweise von Lyrik im Sinne einer Darstellung von Gefühlen hält sie sich gleich weit entfernt wie von der scheinbar objektiven Vergegenwärtigung des Dinglichen. In dem hohen Anteil der Reflexivität versteht sie sich wohl eher in einem bereits recht modernen Sinn als literarische Äußerungsweise von Bewußtseinszuständen und -prozessen.
Fontanes späte Lyrik ist gegen die Konventionen zeitgenössischer Lyrik geschrieben. Aber gerade die Distanz dazu und die kritische Auseinandersetzung mit der geschichtlichen Entwicklung seit der Gründerzeit geben ihr ihre eigene Überzeugungskraft. Der Realismus, dem man sonst kein besondei's freundliches Verhältnis zur Lyrik nachsagt, hat hier eine höchst eigenwillige und reizvolle Spielart der Lyrik seiner Epoche hervorgebracht.
Anmerkungen
1 Vorveröffentlichung des Aufsatzes mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag. Geplante Veröffentlichung: Gedichte und Interpretationen, Band 4, „Vom Biedermeier zum bürgerlichen Realismus“, hrsg. v. G. Häntzschel. Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart 1983.
2 Fontanes Gedicht ist erstmals in der 5., verm. Auflage seiner Gedichte, Berlin 1898, enthalten. Davor war es bereits in der Zeitschrift „Pan“. 2. Jg. 1896, H. 1 erschienen. Walter Keitel nimmt (mit Fragezeichen) im Kommentar der Hanser-Ausgabe an, daß es auch 1896 entstanden ist.
Wiedergabe des Textes nach: Theodor Fontane, Sämtliche Werke, hrsg. v. Walter Keitel, Carl Hanser Verlag, München 1964, Abt. I, Bd. 6, S. 337 f. (Kommentar S. 976 f.).
Vgl. allgemeiner zur späten Lyrik Fontanes auch: Hans-Heinrich Reuter: Fontane, Bd. 2. Berlin. Verlag der Nationen, 1968. S. 774—793.
Karl Richter: Die späte Lyrik Theodor Fontanes. In: Fontane aus heutiger Sicht. Hrsg, von Hugo Aust. München: Nymphenburger Verlagshandlung, 1980, S. 118-142. Zur Beleuchtung des geschichtlichen Hintergrunds in der Spätzeit Fontanes sind nach wie vor besonders instruktiv die Briefe an Georg Friedlaender. Hrsg, und erl. von Kurt Schreinert. Heidelberg: Quelle und Meyer, 1954.
3 Vgl. Fontanes Werk in fünf Bänden (Hrsg. H.-H. Reuter), Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1964, Bd. 1, S. 33.
4 Humor im Sinne der Darstellung von Preisendanz, Wolfgang: Humor als dichterische Einbildungskraft, München 1963.
Peter Wrack (Berlin)
Der Zopf des Alten Dessauers. Bemerkungen zum Fontane der Preußenlieder
Der Haarzopf des Mannes ist zweifellos ein abgetragener Gegenstand. Aber man muß ihm zugute halten, daß er es neben einer Kulturgeschichte auch zu einer Literaturgeschichte gebracht hat — eine Form des Nach-
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