Heft 
(1885) 36
Seite
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Aherrvood von Julius Grosse.

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Ganz einfach." antwortete er.Durch Ihre Empfehlung an Oberst Gwers II. sind meine Ent­deckungen erst vervollständigt worden. Aber nun komme ich an den Punkt, wo meine Entschlossenheit beinahe Schiffbruch litt, denn meine eigenen Waffen kehrten sich gegen mich. Ich habe den Schlüssel des ganzen Geheimnisses gefunden aber Herr Oberst, auch ich bin nur ein Mensch und ich schwindle vor dem Abgrund, vor dem ich stehe. Ja, dießmal ging es um mein Leben, und daß ich davongekommen, beweist, daß ich unter dem Schutze einer höheren Macht stehe. Hören Sie weiter:

Nach meiner Ankunft in Wosneffensk ich muß hier einschalten, daß ich im Verkehr mit Un­bekannten vorsichtshalber einen andern Namen an­nahm und mich Jamestown nannte -- dort also kam ich sehr bald in nähere Berührung mit den Offizieren der Garnison und unter Anderen lernte ich auch den Lieutenant Bulgari kennen, einen sehr gewandten, gebildeten und reichen jungen Mann. Kennen Sie ihn wirklich nicht? ein ungewöhnlicher Mensch, eine Adlerseele, ein Catalina, der seinen eigenen Bruder und Vater nicht verschonen würde, wären sie seine Gegner. Es ist bei aller Liebens­würdigkeit etwas Drohendes in ihm, das mich ab­mahnt, als wenn dieser Mensch früher oder später mein Schicksal würde. Aber wenn ich auch könnte, ich mag nicht mehr zurücktreten. Es ist Alles gleich­viel, und wenn ich auch fallen sollte, so ist es für Rußland!

Auch Bulgari's Name stand zu meiner großen Freude in meinem Verzeichniß der Verschworenen. Indem ich so Gelegenheit zu weiteren Forschungen erhielt, wandte ich Alles an, mich ihm zu nähern. Bekannt mit den Grundideen der Gesellschaft fing ich von Weitem vorsichtig an, ihn zu sondiren und Anspielungen zu machen, daß auch ich zu den Wissen­den gehöre. Er aber wich allen derartigen Unter­haltungen aus und wollte mich nicht verstehen.

Eines Tags machte er mir den Vorschlag, mit ihm auf sein Landgut oder auf seine Datsche, wie man es nennt, zu fahren, was ich natürlich mit Freuden annahm. Er besaß eine große Schäferei von spanischen Schafen, deren Wartung und Pflege der Hauptgegenstand seiner Beschäftigungen ist. Da nach dem Tode des Aufsehers, eines Deutschen, dieser Zweig der Landwirthschaft augenscheinlich in Verfall - zu gerathen anfing, so übernahm ich es, um Bulgari's Zuneigung zu gewinnen, dieselbe in Ordnung zu bringen, was mir um so leichter gelang, da ich bei meinem Vater die Schafzucht und den ganzen Prozeß der Schafschur, sowie der Sortirung und Reinigung der Wolle erlernt hatte.

Bei dieser Beschäftigung verlor ich indeß meinen Hauptzweck keineswegs ans den Augen und deßhalb that ich, als wir einst Abends in das Zimmer seines Landhauses traten, plötzlich die Frage an ihn: ,Haben Sie keine Nachrichten aus Kamenka erhalten?*

,Aus Kamenka?' wiederholte er voll Erstaunen, ,worüber und von wem soll ich Nachrichten aus Kamenka erhalten ja und aus welchem Kamenka?'

,Wozu diese Verstellung?' erwiederte ich. ,Sie erwarten ohne Zweifel, daß ich zuerst mit Ihnen

davon spreche. Sei's denn. Aus dem Kamenka, das Ihnen aus gewissem Grunde sehr bekannt ist. Ich wundere mich, daß Ihnen Davidoff oder Licharew noch nichts über mich geschrieben haben. In der letzten Sonnabendsversammlung hat ihn Pestel namentlich darum gebeten. Dieß Schweigen ist mir um so un­begreiflicher, da er wußte, daß ich in Kurzem nach Wosneffensk kommen und Sie sehen würde.'

Bulgari zögerte noch immer, offen herauszu­gehen, aber er ließ Wein auftragen und es schien mir, als wolle er mich betrunken machen. Ich gab mir Mühe, seiner Absicht scheinbar entgegenzukommen, und plauderte von allen Vorgängen des letzten Sonn­abends.

Da ich einen Schädel auf seinem Schreibtisch sah, nahm ich jenen in die Hand.

.Also Sie haben auch hier Sitzungen, aber warum fehlt das eingebrannte Zeichen? Jener Schädel in Kamenka trug auf der Stirn ein Kreuz und daneben die Buchstaben 8.

,Das ist kein Vundeszeichen,' sagte Bulgari und fixirte mich. ,Das 8alu8 kubliea, bezeichnet die Hand Derer, die Rache geübt. Jener Schädel und auch dieser hier stammen von Spionen und Verräthern, die ihren Lohn gefunden. Mögen sich Die vorsehen, die Jenen gleichen!'

Mit Mühe überwand ich mein Entsetzen und blieb ruhig, während mich Bulgari lauge mit durch­bohrendem Blick betrachtete.

Von diesem Augenblick an glaubte ich sein Zu­trauen gewonnen zu haben. Er enthüllte mir später den ganzen Bestand und alle Pläne der Gesellschaft, machte mir Angaben über die nordischen und pol­nischen Sektionen in Petersburg und Warschau, sprach auch viel von Verbindungen am kaiserlichen Hofe und gerade dieß in so übertriebener Weise, daß ich bald glauben mußte, er wolle mich nur zum Besten haben. Außerdem stattete er mich verschwenderisch mit Geldmitteln aus, aber ich merkte sofort, daß er mich nur zum Vertreiben von Falsifikaten benutzen wollte, denn die Verschworenen gebieten über Mil­lionen falscher Banknoten.

Mein Mißtrauen wuchs, und ich war froh, daß der Prozeß des Oberst Gwers endlich beendet und gewonnen wurde. Dafür aber waren die Finanzen des Obersten in traurigem Zustande. Er sollte eine bedeutende Summe in die Regimentskasse eintragen, und es fehlte an Geld. Dieß veranlaßte ihn, die Verwandten seiner Frau in Anspruch zu nehmen, und deßhalb wurde ich als Bevollmächtigter zu den­selben in das Gouvernement Charkow geschickt.

Beim Abschied von Bulgari bat ich um Em­pfehlungen an dortige mir noch unbekannte Mit­glieder der Gesellschaft, aber er selbst kam meinem Wunsche zuvor, indem er mir einen Empfehlungs­brief an Wadkowski mitgab, den Vermittler mit dem obersten Leiter des nordischen Bundes. Dabei lächelte er fast sarkastisch, als er sagte: .Gewinnen Sie Wadkowski, so brauchen Sie nach keinem weiteren Aufschluß zu verlangen.' Jetzt wußte ich, woran ich war, und darnach habe ich gehandelt!"

Das heißt," unterbrach ich Sherwood,Sie haben den Brief geöffnet und gelesen?"