Heft 
(1885) 36
Seite
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Deutsche Roman-Bibliothek.

Aufenthalt in Kamenka Zu verlängern; da aber die Mühle bereits reparirt und wieder in Gang gebracht war, so verdarb ich absichtlich ihren Mechanismus von Neuem und erreichte dadurch vollkommen meinen Zweck.

Man ließ mich unbehelligt weiter arbeiten, zumal die greise Mutter des Generals meine gütige Pro­tektorin war. Ich lernte im Verlauf die Grundideen der Gesellschaft kennen, es sind im Wesentlichen die einer republikanischen Verfassung mit Aufhebung aller Standesunterschiede und mit Ausschluß aller Aus­länder. Dabei erfuhr ich die Namen der Haupt­mitglieder wie der zahlreichen, durch das ganze Reich zerstreuten Theiluehmer und machte ein Verzeichniß aller bezeichnten Personen.

Mit diesen Notizen kehrte ich damals nach Novomirgorod zurück. Hier hoffte ich den Kreis meiner Beobachtungen zu erweitern, da ich wußte, daß in der hiesigen Ansiedlung es auch viele Un­zufriedene gibt. Indessen hatte ich mich geirrt. Von despotischer Gewalt Niedergedrückte sind, wie es scheint, nicht fähig, liberale Ideen zu fassen. Ihre nahen Beziehungen Zu Licharew und Sochatzki ließen mich vermuthen, daß auch Sie zur Gesellschaft ge­hören, aber ich wagte damals noch nicht, Ihnen meine Vermuthungen mitzutheilen."

Daran haben Sie wohlgethan," ries ich.Ich hätte Sie sofort den Gerichten überliefert und ich verfluche den Tag, wo Sie über meine Schwelle ge­treten sind. Ich wüßte auch nicht, was mich abhält, Sie sofort festzunehmen, um Sie unschädlich zu machen."

Wie Sie wollen, Herr Oberst," sagte Sherwood mit unerschütterlicher Gemüthsruhe,aber das würde nur beweisen, daß auch Sie auf Seiten der Ver­schwörer stehen, wie ich immer vermuthete. Wollen Sie mich unschädlich machen, so können Sie es auf kürzerem Wege. Dort hängen Ihre Pistolen. Lassen Sie uns einen Gang wagen oder erschießen Sie mich sofort. Dann sind die Verschwörer gerettet, aber der Kaiser ist verloren!"

Diese Logik des verteufelten Menschen war freilich unwiderleglich. Ich ging im Zimmer auf und ab, um zu erwägen. Die Situation war unerträglich geworden, und seine Bekenntnisse waren noch nicht einmal am Ende. Wer weiß, was ich noch zu ver­nehmen hatte!

Setzen Sie sich, Mensch," sagte ich,und kom­men Sie zum Ende. Von meinem Entschluß sollen Sie nachher erfahren."

Zu Befehl, Herr Oberst," erwiederte Sherwood und nahm Platz auf dem Kanape, indem er sich eine neue Cigarre anzündete.

Einige Male war ich schon damals entschlossen, direkt an den Kaiser zu schreiben, aber ich unterließ es, da meine Beweise immer noch zu ungenügend, und ohne sie war die Enthüllung eine gefährliche Sache. Ich wußte wohl Einiges, aber in der Haupt­sache nichts. Alles war nur ein Schattenspiel, ein Fragment. Eines deutete auf das Andere und aus Höheres, wie in den Gesellschaften der Logen die oberen Grade und Leiter unsichtbar bleiben. Was ich wußte, betraf Südrußland, aber wie stand es

in Petersburg, wo der Sitz des Nordbundes und wo sicherlich die eigentlichen Führer und Häupter zu suchen sind? Diese zuerst konnten und mußten dem Kaiser gefährlich werden. Was ich vernommen, waren nur einzelne Schlagworte und Losungen, aber die Spitze des Bundes war mir ein Geheimniß ge­blieben wie ein Berggipfel, der von Wolken verhüllt ist. Drum entschloß ich mich, zu warten, bis mir die Gelegenheit bessere Thatsachen brachte. Und diese Gelegenheit danke ich abermals Ihnen, Herr Oberst!"

Nichtswürdiger!" rief ich und erfaßte seinen Arm.Was soll das heißen?" Dieser Mensch wollte mich mit aller Gewalt zu seinem Werkzeug machen und hatte vielleicht schon in diesem Sinn gehandelt.

Sherwood entriß sich meiner Hand.

Ich bitte, Ihre Worte Zu wägen, Herr Oberst. Wie die Dinge stehen, bin ich im Begriff, einer- verbrecherischen Verschwörung aus den Kopf zu treten. Dazu sollten Sie mich segnen, sollten mir Ihren Beistand leihen. Denn alle Getreuen müssen zu­sammenstehen im Namen des Kaisers. Das leuchtet Ihnen doch ein!"

Lassen Sie mich aus dem Spiel ein- für alle­mal. So treu ich dem Kaiser bin, so verhaßt wäre es mir, ihm in dieser Weise zu dienen als Spion und Häscher. Was meinen Sie also?"

In diesem Augenblick wurden wir unterbrochen. Eine Ordonnanz meldete sich. Es waren Regierungs­depeschen angekommen, und ich wurde zum Kom­mandeur des Regiments berufen. Rasch entschlossen, bat ich Sherwood, in mein Kabinet einzutreten, und schloß sofort hinter ihm ab. Bis auf Weiteres war er mein Gefangener.

-i-

Erst nach langen Stunden kam ich in meine Wohnung zurück. Die Regierungsdepesche besagte, daß die große Herbstrevue in Belaja-Tscherkow, wozu auch der Kaiser erwartet wurde, bis aus Weiteres aufgeschoben sei und für dieß Jahr wahrscheinlich nicht stattfinden werde.

Diese Nachricht bestürzte und erschreckte mich, und mein erster Gedanke war, daß diese Maßregel mit Sherwood's Enthüllungen Zusammenhängen müsse, aber ich behielt diese Vermuthung für mich. Auf der Kommandantur herrschte Verwirrung und Ent­täuschung, denn wir Alle hatten uns auf die An­kunft des Kaisers gefreut. Es wurde viel darüber hin und her gesprochen, und die Stunden vergingen wie im Fluge.

Es war schon gegen Abeud, als ich meinen Ge­fangenen aus seiner Haft erlösen konnte. Ich ließ ihm ein reichliches Abendessen vorsetzen und bewirthete ihn aus meinem eigenen Flaschenkeller. Als ich der abgesetzten Revue erwähnte, lachte Sherwood laut auf.

Aha, die Fäden spielen also befolgt man doch meinen Rath. Nun ist's gut vorläufig." Mir war diese Aeußerung damals vollkommen unverständlich.

Heute Mittag wurden wir unterbrochen," sagte ich, nachdem er sein Mahl beendet.Fahren Sie jetzt fort. Was meinten Sie mit meiner Mitwirkung oder mit der Gelegenheit, die ich Ihnen gegeben haben soll?"