Heft 
(1885) 36
Seite
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Sherwood von Julius Grosse.

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Maßregeln. Man muß sie ausrotten. Immerhin I mag man die Großfürsten und Großfürstinnen in's Ausland schicken. Die Flotte von Kronstadt wird uns dabei gute Dienste thun. Wir haben Ver­bindungen. Im Uebrigen bin ich für Danton's Wort: Kühnheit und noch einmal Kühnheit. Nur sie kann uns retten!"'

Nun aber kam es zu lautem Tumult.

Fürst Murawieff Apostol war gegen den Königs­mord, viele Andere gegen jedes Schreckensregiment. Es wurde heftig hin und her gestritten, als plötzlich Wassili Davidoff eine Büste des Kaisers in einer Ecknische enthüllte. Da war es Intendant Juschnefski, der ein Pistol erhob, um auf die Büste zu schießen. Viele der Anderen machten sich bereit, seinem Bei­spiel zu folgen, und der laute Tumult verschlang jede Stimme des Einzelnen.

Da erhob sich aber Oberst Pestel, und seine Donnerstimme übertönte den Aufruhr.

Wozu solche Komödie!' rief er. ,Jch weiß solche symbolische Spielereien zu schätzen, aber sie sind keine Uebung für entschlossene Männer. Vom Nord- bnnd scheint nicht viel zu hoffen, und ich fürchte das Schlimmste von Trubetzkoi's Kleinmuth. Bestätigt sich aber die Nachricht von der Herbstrevue in Belaja- Tscherkow, so tritt der Südbund in Aktion, und im September kann Alles zu Ende sein. Bis dahin Friede, ihr Brüder, Männer, Bojaren!' das sind offenbar die drei Grade des Bundes," schaltete Sherwood ein,und hiemit fordere ich euch aus zur Erneuerung der alten Schwüre.' Alle erhoben sich, reichten dem Oberhaupt die Hände und hielten dann die Dolche auf das Kruzifix. Es war still geworden wie in einer Kirche.

Sie können sich denken, Herr Oberst, wie kritisch meine Lage war. Zuerst war ich vor Schrecken außer mir und schon im Begriff, mich zurückzuziehen, aber bei Pestel's Wort vom Ausrotten der kaiserlichen Familie kam mir der Gedanke, daß mir die Pflicht zufiel, diese ruchlose Verschwörung zu enthüllen, und so fand ich Muth und Entschlossenheit, auf meinen: Posten auszuharren. Zuletzt stand Wassili Davidoff auf, um das Fenster zu öffnen und den Tabaksqualm hinauszulaffen, dann zog er die Klingelschnur, um die Dienerschaft von unten zu rufen. Blitzschnell war ich nun vom Baume herab und hatte unbemerkt den Hof wieder gewonnen, bevor die Verschworenen heraustraten.

Meine Absicht, den schurkischen Intendanten zur Rede Zn setzen, war längst vergessen. Hier handelte es sich um das Schicksal ganz Rußlands, nicht um einen Einzelnen. Diese ganze Nacht konnte ich vor Aufregung und vor der Menge von Gedanken und Entschlüssen, die sich in meinem Kopfe kreuzten, kein Auge zndrücken."

Nach diesen Worten schwieg Sherwood wie er­schöpft eine geraume Weile. Dann wandte er sich zu mir:Was sagen Sie nun zu alledem, Herr Oberst? Ich bitte Sie, sich frei zu äußern. Sie halten mich vielleicht für einen Elenden, Sie denken: Was hat dieser Ausländer sich um unsere Ver­schwörungen zu kümmern? Das ist unsere Sache allein.' Bitte, reden Sie offen."

Ich mußte diesen dämonischen, heillosen Men­schen immer von Neuem betrachten. Bei aller Be­wunderung seiner Verschlagenheit und Kühnheit er­faßte mich doch ein tiefer Abscheu.

Soll ich Ihnen meine Meinung sagen," bemerkte ich,so halte ich Sie für einen nichtswürdigen, höchst gefährlichen Menschen."

Der dennoch ein Ehrenmann ist, vielleicht ein Werkzeug in der Hand der Vorsehung, und das macht mich stolz und ruhig in meinem Gewissen. Denn Eines, Herr Oberst, mußte ich mir immer wieder sagen: Entweder bin ich ein Schuft, der die Gast­freundschaft zum niederträchtigsten Verrath mißbraucht, oder ich bin ein Auserwählter, der berufen ist, dem Kaiser einen unermeßlichen Dienst zu leisten und Rußland vor den Greueln einer Revolution zu be­wahren. Das ist immerhin etwas. Daß ich dabei meinen Racheschwur erfülle und meinen Todfeind in's Herz treffe, daß ich vielleicht mein Glück mache, um Weib und Kind wieder zu Ehren zu bringen, das sind beinahe Nebensachen, aber sie haben mit­gewirkt, mich mit eiserner Entschlossenheit zu stählen. Nach diesem mögen Sie mich beurtheilen."

Ich war unfähig, ans diese anmaßenden und renommirenden Worte eine Antwort zu geben. Die ganze Entdeckung schien mir zu ungeheuerlich, um sofort daran zu glauben. Was in aller Welt konn­ten diese Hitzköpfe gegen unfern gütigen, angebeteten Kaiser haben?

Das ist sehr weitläufig zu sagen," rief Sher­wood, als ich jene Bemerkung machte.

Darf ich reden als Engländer? Sehen Sie, was Rußland noth thut, wo Alles aus dem Haupt des Monarchen allein lastet, ist die materielle Be­freiung der Massen, die Gleichheit des Gesetzes für Alle und zuerst die Vernichtung dieser Seuche, dieser Käuflichkeit. Gegen alles das existirt bis jetzt nur ein Mittel die absolute Macht des Kaisers. Ich will nicht von den ungeheuren Entfernungen reden, die alle Kontrole beinahe unmöglich machen, aber der Kaiser selbst ist von hundert Fesseln umschlungen, ohne Werkzeuge für seinen Willen, und findet er sie, ohne Willenskraft gegen ihre Jntriguen und Gewalt­streiche, vor Allem ohne Schutz gegen diesen Arak- tschejef. Dieser allein ist allmächtig, aber alle seine Thaten werden dem Kaiser zugeschrieben. Das ist sein tragisches Loos, und wenn es mit Schrecken endet, so ist es die Schuld seiner Minister und seiner Umgebung.

So sehe ich als Ausländer die Sachlage an. Sie freilich scheinen in meine Angaben noch Zweifel zu setzen, und ich muß mir dieß Mißtrauen gefallen lassen. Vielleicht urtheilen Sie anders, wenn ich zu Ende bin. Darf ich weiter reden?" Und auf das Zeichen meiner Zustimmung fuhr er fort:

Entschlossen zu handeln, durfte ich nicht beim ersten Schritt stehen bleiben, daher beschloß ich, weiter zu gehen, die Handlungen der Gesellschaft so viel als möglich zu überwachen und ihre nächsten Pläne kennen zu lernen. Um keinen Verdacht zu erregen, durfte ich unter der Maske der Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit gegen Alles mein Benehmen nicht ändern. Daher war es nothwendig, meinen