Heft 
(1885) 36
Seite
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Deutsche Noman-Bibliothek.

mein Name nicht weiter genannt, als man mich als Mühlarzt vorstellte.

Ich war wie im Traume. Tausend Gedanken tobten durch meine Seele, alle meine Sinne waren fieberhaft gespannt. Was wollte dieser Schurke hier? Wer waren alle diese Edelleute? Wenn sie diesen Dämon ehrten, so mußten sie selbst Schurken sein. So sehr ich sie bisher bestaunt, bewundert, beneidet hatte, jetzt haßte ich auf einmal Alle. Wie mit doppelten Sinnen lauschte ich jetzt ihren Reden, und Alles wurde bedeutungsvoll.

Man sprach über Tafel viel von Cromwell und Karl I., auch von Mirabeau und Ludwig XVI. Ich kenne die englische und französische Geschichte genau, und die Clairvoyance des Ingrimms machte mich plötzlich allwissend. Wie ein blendendes Licht fiel es in meine Seele, sonnenklar und unwiderleglich wußte ich, daß hier etwas Gesetzwidriges im Werk, daß hier ein Herd der Verschwörung war. Freilich, was ging's mich an? Aber diesem Todfeind meines Hauses mußte ich an den Leib kommen, ihm allein! Was kümmerten mich die Anderen! Fürchten Sie nichts Romanhaftes etwa daß ich ihm ein Eisen in's Herz stoßen wollte nein, offen und Stirn gegen Stirn wollte ich diesen Gegner packen, mochte dann geschehen, was wolle!

Da die Tafel rasch aufgehoben und die Gäste wie gewöhnlich im Seitenflügel des Herrenhauses verschwunden waren, blieb mir nichts übrig, als ihre Rückkunft in der Nacht zu erwarten, denn alle schliefen im Schlosse.

Aufgeregt von stürmischen Empfindungen schlen­kerte ich aus dem finsteren Hofe umher, um meine Gedanken zu sammeln und den günstigen Augenblick wahrzunehmen. Wohl bemerkte ich in den Fenstern jenes Anbaues Licht, hörte auch hin und wieder Stim­men, aber die Gardinen waren herabgelassen. Ob­gleich nun meine Neugierde aus das Höchste gesteigert, war doch Lauschen niemals meine Sache und die wichtigste Entdeckung wäre mir entgangen. Da kam ein Zufall zu Hülfe, in dem ich heute die Hand des Himmels erblicken darf.

Die Nacht war herrlich und sternenklar und die Linden dufteten, nur von Zeit zu Zeit brauste stoß­weise ein Südwind vom Wald her und so geschah es, daß ein Spitzentuch Nadjeschda's, das ich als Andenken mitgenommen und auf der Brust trug, jetzt, als ich es hervorzog, mir plötzlich vom Wind entrissen und hoch hinauf in die Baumwipsel entführt wurde, in die Wipfel der Linden, die auf der Garten­seite des Anbaues standen. Nun hätte ich das Tuch wohl auch am andern Tage wiedergefunden, aber ich fürchtete den Spott und lästige Fragen, und so be­schloß ich, es sofort zu holen.

Das hatte auch keine Schwierigkeit, ich nahm eine kurze Leiter mit, um in die Zweige des Baumes zu steigen, und kam auch glücklich aus die Rückseite des Anbaues. In wenigen Minuten hatte ich mein Tuch wieder, oben aber in den Zweigen bemerkte ich, daß man die Gardinen der Fenster auf dieser Seite nicht herabgelassen, vielleicht weil sie ohnehin dicht von Epheu und Ranken wilden Weines über­wachsen waren. Gleichwohl konnte man durch die

Blätter und Ranken bequem in den erleuchteten Raum blicken.

Da sah ich nun folgende Szene:

An einem großen Tisch saßen alle erwähnten Gäste von Kamenka und unter ihnen auch der General Lwowitsch und sein Neffe Wassili Davidoff, unten quer vor der Oberst Paul Pestel und neben ihm der Intendant Juschnefski. Auf dem Tische war zwischen den Lichtern ein Kruzifix zu sehen, daneben ein Schädel und mehrere Dolche, außerdem ein Haufen von Schriftstücken, dann Flaschen und Gläser. Licharew selbst hielt die Feder in der Hand.

Bei diesem Anblick wallte mein Blut fieberhaft, das Herz bebte und wollte schier aus der Brust springen. Ich beugte mich durch die Zweige und näherte mich dem Fenster, um etwas von den wilden Reden zu verstehen. Aus den ersten von Pestel ge­sprochenen Worten war es klar, daß es sich um eine Verschwörung gegen die Regierung handle.

Er hob das Glas und feierte den bedeutungs­vollen Tag. Wir hatten den vierzehnten Juli, den Jahrestag des Sturmes aus die Bastille.

Man stritt dann lange miteinander. Das Ge­spräch war bald stürmischer, bald leiser. Vieles ist mir entgangen, aber einige Worte sind mir unver­geßlich geblieben.

Juschnefski hatte soeben gesagt: ,Alle, die bis jetzt gelebt, haben nichts vom Regieren verstanden. Diese Wissenschaft liegt noch in der Wiege, aber in Rußland wird sie erwachsen zum Herkules? Da unterbrach ihn Oberst Pestel:

,Genug davon, jetzt ist die Frage, wen wird man an die Spitze der provisorischen Regierung stellen?'

Alsbald rief Juschnefski: Wen sonst, wenn nicht Den, der das gewaltige Werk der Revolution begonnen und vollbracht wenn nicht Sie selbst; obgleich Sie einen deutschen Namen tragen. Sie wer­den die Verleumdung zum Schweigen bringen, indem Sie nach errungener Freiheit die Gewalt wieder nieder­legen und in den Schooß der Bürger zurückkehren werden. Die provisorische Regierung kann höchstens zwei Jahre dauern?

,O nein,' rief Pestel, ,zehn Jahre werden not­wendig sein, um aufzuräumen von Grund aus. Eine Diktatur müssen wir haben oder ein Triumvirat nach römischem Muster. Ich dulde keinen Widerspruch! Und sollte es dann noch Unzufriedene geben, so müßte man auf einen auswärtigen Krieg denken, vielleicht um Griechenland wieder herzustellen. Was mich be­trifft, werde ich nach gethanem Werk in ein Kloster treten, um dort meine Tage zu beschließen. Der äußere Kampf wird der leichtere sein, aber der innere wird vielleicht ein Menschenalter dauern, bis das neue Recht eingebürgert ist, das neue Gesetzbuch für Rußland, mein teuerstes Lebenswerk, das ich hie- mit auf den Tisch niederlege?

Das Buch, die Russkaja Pravda, wie er es nannte, ging darauf von Hand zu Hand im Kreise und wurde ehrfurchtsvoll von Allen geküßt.

Später erhob abermals Juschnefski seine Stimme.

Mir kommen zur Hauptfrage. Was soll aus der kaiserlichen Familie werden?'

Sofort sagte Pestel: ,Jch bin für keine halben