Heft 
(1885) 36
Seite
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Sherwood von Julius Grosse.

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beschloß ich, ihn anzuhören und dann erst den Um­ständen gemäß zu handeln. Ich schickte den Diener fort, schloß die Thüre meines Kabinets und wandte mich wieder zu Sherwood.

Seine anmaßende und sreche Haltung war völlig verschwunden. Er schien wieder ganz der Verkommene und Verzweifelnde, als welchen ich ihn zuerst kennen gelernt.

Endlich begann er:

Was ich Ihnen auch gestehen möge, Herr Oberst, vergessen Sie nicht, daß ich vor Sehnsucht nach Weib und Kind vergehe. Um mein Ziel zu erreichen und Ofsiziersrang zu erlangen, wäre ich im Stande, ein Verbrechen zu begehen ein Verbrechen in Ihren Augen vor meinem Gewissen aber eine Helden- that, die mir vielleicht das Leben kostet früher oder später. Sei es wie immer; bevor Sie mich hassen oder verabscheuen werden, bedenken Sie, daß mich die Liebe getrieben, vielleicht auch der Ehrgeiz!

Auf Ihre Empfehlung reiste ich vor einem halben Jahre nach Kamenka zum General Lwowitsch. Wissen Sie auch, daß Sie mich in die Löwenhöhle geschickt haben in mehr als einer Beziehung? Dieser General ist ja das Haupt der Familie Davidoff und sein Neffe Wassili Davidoff derselbe, dem einst meine Nadjeschda zugedacht war. Ich erkannte das Hyünen- gesicht nach jenem Porträt sofort wieder und war nicht wenig neugierig, ob man von meiner Existenz eine Ahnung habe. Wie es scheint, ist mein Name nach der Entführung verschwiegen oder in jenen Kreisen vergessen worden. Man wußte nichts von mir.

Somit machte ich mich denn sofort an die Repa­ratur der Mühle. Obwohl ich im herrschaftlichen Hause selbst wohnte und täglich mit der Familie des Generals bei Tisch und beim Thee zusammentraf, gelang es mir doch nicht, eine Art von Hausfreund zu werden. Nur die bejahrte Mutter des Generals war liebreich und freundlich gegen mich, und die Uebrigen duldeten mich aus Rücksicht gegen sie. Uebri- gens hatte ich Alles vollauf, und die lang entbehrte Freiheit that mir auch wohl, daher übereilte ich mich nicht besonders mit der Reparatur der Mühle. So vergingen einige Wochen und ich fühlte mich behaglich.

lieber die einzelnen Persönlichkeiteil der Familie gestatten Sie mir doch noch einige Bemerkungen. Der greisen Mutter des Generals kann ich nur mit besonderer Ehrfurcht erwähnen; sie ist eine fromme, altgläubige Frau und als solche haßt sie die fran­zösische Nation, die Geißel Europas. Mit Entsetzen erzählte sie bisweilen vom Brand von Moskau, den sie miterlebt hatte. Anders ihr Sohn, der General, der im großen Kriege seine Karriere gemacht. Sein langer Aufenthalt in Paris hatte ihn förmlich zum Franzosen umgewandelt. Am liebsten sprach er von Rousseau und Benjamin Constant, den er persönlich kennen gelernt. Die Ideen jener Philosophen und Politiker waren sein Evangelium geworden. Dieß fiel mir im Anfang wenig auf, denn diese Begeiste­rung für Frankreich fand ich schon längst in der Armee. Der General übrigens behandelte dergleichen als Platoniker, sein Neffe dagegen mit wahrem Fanatismus. Uebrigens war dieser Oberst Wassili Davidoff verabschiedet. Weßhalb er entlassen worden,

scheint ein Geheimniß zu sein. Man spricht von einer Insubordination gegen den Kaiser, von dem er sich beleidigt glaubt. Seit er nun auf dem Lande lebt und vollends, seit ihm mehrere Versuche miß­glückt, eine reiche Frau zu gewinnen, ist er zum Menschenfeind geworden. Seine einzige Freude sind zahme Wölfe und Bären, die er dressirt, als wenn der Tag kommen würde, an dem er diese Bestien auf die ganze Menschheit loslassen werde. Mich behandelte er vom ersten Augenblick an mit feind­seligstem Mißtrauen, und ich habe mir keine Mühe gegeben, ihm meine Abneigung zu verhehlen. Es ist ein roher, aber unbedeutender Mensch. Doch genug nun von dieser Abschweifung.

Indem ich mich nach und nach an die Lebens­weise in Kamenka gewöhnte und mich mehr und mehr einlebte, fiel mir ein ganz besonderer Umstand im höchsten Grade auf. Jeden Sonnabend um sieben Uhr kamen Gäste zu Davidoff, und was das Sonder­barste, es waren immer dieselben Personen, nämlich der Oberst Paul Pestel, der feurige Redner, der wilde Murawieff Apostol, Jentzalow, der Skeptiker, der Generalftabsdoktor Jafimowitsch, der Gutsbesitzer Poggio und die Lieutenants Licharew und Sochatzki, denen ich Ihre Grüße und Empfehlungen brachte, ohne daß ich besondere Folgen davon spürte.

Ich kann wohl sagen, alle diese Herren inter- essirten mich anfangs lauter gelehrte, kenntnißreiche Leute, entschlossene Charaktere, die meisten Idealisten voll kühner Entwürfe und von weittragendem Scharf­blick. Im Davidoff'schen Familienkreise erschienen sie nur beim Abendessen und waren nicht besonders liebenswürdig gegen die Damen. Im Gegentheil, es herrschte ein trockener Ton, eine Art von mysti­schem Jargon, der uns Anderen unverständlich war. Meist wurde französisch gesprochen und die stehenden Themen waren Rousseau's ,Matts social', Bentham's ,Prinzipien der Gesetzgebung' und Aehnliches, so daß die Damen oft gelangweilt entflohen.

Die übrige Zeit brachten sie in einem Anbau des Flügels zu, wo Wassili Davidoff wohnte. Wenn sie aus diese Weise einen Tag geblieben waren, so fuhren sie Alle fast zu gleicher Zeit wieder weg. Meine Wenigkeit wurde dabei kaum beachtet, viel­leicht weil sie mich für einen Deutschen hielten, und schwerlich hätte ich mich um die Herren und ihr Treiben weiter gekümmert, wenn nicht ein unerwar­teter Zwischenfall eingetreten wäre. Am letzten Sonn­abend nämlich war es ich wollte schon abreisen da erschien ein neuer Gast mit den Anderen und wurde mit größter Auszeichnung empfangen, ein Mensch wie es nur einen gibt auf Erden hoch­gewachsen, blatternarbig, mit rothem Bart und mit stets gekrümmten Händen, bei aller Eleganz der Er­scheinung ein Teufel.

Ich glaubte in den Erdboden sinken zu müssen, als ich ihn erkannte es war der Intendant Jusch- nefski - heute will ich seinen Namen nennen der­selbe Schurke, der unsere Familie in's Elend gestürzt, derselbe, dem ich am Grabe meiner Eltern heilige Rache geschworen. Ich bebte, ob er mich erkennen würde, aber der gefürchtete Augenblick ging vorüber, ich muß mich sehr verändert haben. Auch wurde