Heft 
(1885) 36
Seite
850
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Deutsche Noman-Sibtiothek.

Kerwooö.

Roman

von

Jutiirs Krosse.

(Fortsetzung.)

IweiLes Wirch.

einahe ein halbes Jahr war seitdem vergangen und wir Alle im Regiment betrachteten jenen Abenteurer als einen ehrlosen Deserteur, als Sher- wood eines Tages wieder sichtbar ward.

Ich erkannte ihn erst nicht, denn er erschien in eleganten Civilkleidern, mit sammetenem Schnürrock und hohen Stiefeln, wie es damals polnische Tracht war. Sein Haar war länger, über den Lippen trug er einen martialischen Schnurrbart und seine Hände Zierten seine Pariser Handschuhe. Dabei war seine Haltung von großem Selbstbewußtsein, ja von herausfordernder Anmaßung.

Melde mich wieder Zum Dienst, Oberst," sagte er, indem er flott hereintrat.

Ich maß den kecken Gesellen.Wo waren Sie so lange Zeit, Sherwood?"

Hm," sagte er und schlug mit seiner Reitpeitsche an die eleganten Stiefel.Das ist nicht so rasch gesagt. In diesen schweren Zeiten findet man auch unverhofft zu thun. Gehen seltsame Dinge vor, Oberst. Auf hoher See braucht der Steuermann keinen Lootsen mehr, aber das Senkblei muß er werfen."

Sie scheinen sich ja sehr mit unseren Sprüch- wörtern befreundet zu haben, oder wollen Sie den alten Uschakoff kopiren? Wozu diese Umwege?"

Keine Umwege, Oberst. Schrieb ich Ihnen denn nicht, daß mich Oberst Gwers auf das Gut seiner Frau schickte im Gouvernement Charkow? Dort habe ich höchst merkwürdige Persönlichkeiten kennen lernen, den Artillerielieutenant Wadkowski und in Wosnessensk den Bulgari. Doch ich bitte, lassen Sie mich ausruhen, und wenn Sie Thee und Tabak haben, desto besser, Oberst."

Damit nahm er ohne Weiteres Platz. Mich in- dignirte dieß ordonnanzwidrige Gebühren, aber er war noch in Civilkleidern und gleichsam noch in Urlaub. So ließ ich es hingehen.

Wodurch ist denn dieser Wadkowski so merk­würdig?" fragte ich.

O, höchst remarkabel," sagte Sherwood mit lauerndem Blick.Ich vermuthe, Sie wissen recht gut, wodurch, und nach Ihrer Verbindung mit Sochatzki und Licharew zu schließen, bin ich sogar davon überzeugt."

Ich kann das nicht verstehen," rief ich.Meine Bekanntschaft mit Sochatzki und Licharew kann mich

doch nicht mit der ganzen Welt verbinden. Von Ihnen höre ich zum ersten Male den Namen Wad­kowski. Wie kommen Sie dazu, anzunehmen, daß er zu meinen Freunden zähle?"

Währenddem blickte mir Sherwood unverwandt und scharf in die Augen, um den Eindruck seiner Worte zu erspähen.

Vielleicht ist meine Vermuthung unrichtig," sagte er,aber bei Wadkowski's Beziehungen zu Licharew müßte Ihnen durchaus bekannt sein, welche Bedeutung er in der gemeinsamen Angelegenheit des öffentlichen Heils genießt." Diese letzten Worte betonte er ganz besonders.Bemerken Sie nicht, daß im Volksgeist sich drohende Anzeichen bemerklich machen, daß die Unzufriedenheit mit der Regierung wächst? Man will wissen, daß am ersten Mai künftigen Jahres eine wichtige Staatsveränderung Vorgehen wird."

Diese Bestimmung der Zeit im Voraus frappirte mich, aber ich ließ ihn weiter reden.

Und Sherwood schloß seine Bemerkung:

Ohne allen Zweifel ist diese Aufregung das Werk einer geheimen Gesellschaft, von deren Bestehen längst gefabelt wird. Ich weiß aber bestimmt, daß sie existirt. Uebrigens, Herr Oberst, im Vertrauen: Sie können ganz unbesorgt sein. Meine Dankbarkeit heißt Schonung. Was auch geschehen möge: Ihr Haupt bleibt mir heilig aber etwas mehr Offen­heit dürfte ich doch erwarten!"

Dieß war zu viel. Diese Unverschämtheit eines Untergebenen brachte mein Blut in Wallung. Ent­rüstet stand ich aus und griff zur Klingel.

Ich habe keine Geheimnisse und dulde auch keine! Ich handle immer offen und will es sogleich dadurch beweisen, daß ich nach dem Kanzleidirektor schicke und Dich auf der Hauptwache unter Schloß und Riegel setzen lasse! Beim Verhör wird man Dich schon zum Geständniß und zur Erklärung Deiner Reden zu bringen wissen."

Der Diener war bereits eingetreten, und ich wollte ihm eben die nöthigen Befehle ertheilen, als Sherwood bleich und zitternd vom Stuhl aufsprang, mich beim Arme ergriff und mit flehender Stimme sagte:

Was thun Sie, Oberst! Sie stürzen sich selbst und mich in's Verderben. Um Gottes willen, hören Sie mich an! Jetzt muß ich Ihnen nothgedrungen das ganze Geheimniß entdecken. Handeln Sie so­dann nach Ihrem Gutdünken."

Ich bedachte mich einen Augenblick. Diese Ver­zweiflung Sherwood's war unverstellt, und besorgt, mich durch ein voreiliges Verfahren zu kompromittiren,