Heft 
(1983) 35
Seite
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Frau fast täglich einen Brief. So wurde Emilie auch in der Korrespondenz seine wichtigste Gesprächspartnerin, und vieles davon ist in Fontanes Romane, die fast alle Frauenromane sind, eingeflossen, auch wenn keiner ein direktes Porträt von Emilie enthält. Obwohl manche seiner Briefe an sie sehr ironisch klingen mögen, schätzte Fontane an seiner Frau doch den Mut zum eigenen Urteil und ihrengesunden Menschenverstand.Das Beste, was der Mensch haben kann, ist die Natürlichkeit, und gerade diese konnte eran Mama studieren, wie er gleichfalls am 4. August 18113 an Mete schrieb. In dem hier vorliegenden Band sind 77 Briefe Fontanes an seine Frau aufgenommen worden. Es wäre gewiß eine schöne und dankbare Aufgabe, die erhaltene bzw. überlieferte Korrespondenz zwischen Emilie und Theodor Fontane einmal in einem Büchlein neu herauszugeben 1 , denn sie vermittelt uns das Bild einer sehr seltenen und treuen Kameradschaft, die man bewundern muß. Diese Kameradschaft stand ganz auf dem Fundament eines von Fontane in seinenErinnerun­gen geäußerten Ausspruchs:Es kommt auf das ,Zueinanderpassen an, und wenn man sich auf diesen Punkt hin nicht verrechnet, so wird man glücklich.

Die meisten der anderen Briefe des dritten Bandes sind an den Verleger Wilhelm Hertz (56), die Tochter Mete (44) und Georg Friedlaender (44) gerichtet. Fontane hatte den viel jüngeren Amtsrichter aus Schmiedeberg, der aus einer angesehenen, zum Christentum konvertierten jüdischen Ge­lehrtenfamilie stammte, im Sommer 1884 im Riesengebirge kennengelernt und stand bis zu seinem Tode in einer regen Korrespondenz mit ihm. Hauptthema ihres Briefwechsels war neben Fx-iedlaenders Schilderungen aus derhöheren Gesellschaft des Hirschberger Tals vor allem Fontanes Abrechnung mit dem alten Preußen und seinem Adel, treffend faßte er das 1894 in dem GedichtAn meinem Fünfundsiebzigsten zusammen.

Unter den übrigen Adressaten sind so bekannte Namen wie z. B. Theodpr Storm, Paul Heyse, Wilhelm Raabe und Gerhart Hauptmann zu erwähnen. Von letzterem, demneuen Räuberhauptmann der schwarzen Realisten- Bande, war Fontane bekanntlich sehr eingenommen. Er nahm väterliche Teilnahme am Schaffen des jungen Dramatikers, dessen Werk er als künstlerische Leistung würdigte, daer das Leben gibt, wie es ist, in seinem vollen Graus (an Mete, 14. September 1889), und empfahl Haupt­mannsVor Sonnenaufgang der .Freien Bühne 1 . Seine Besprechung der am 20. Oktober 1889 erfolgten Uraufführung diesesfabelhaften Stüdes wurde die längste Theaterkritik seines Lebens. Erstaunlich ist indessen aber, daß im ganzen nur 3 Briefe von Fontane an Hauptmann existieren, und mehr hat er ihm wahrscheinlich auch nicht geschrieben.

Die Briefauswahl der Hanser-Ausgabe berücksichtigt gleichermaßen Fon­tanes Leben und Werk. Liest man alle Briefe im Zusammenhang, so geben sie in ihrer Gesamtheit, mit ihrer Lebensnähe und Lebensfülle, mit ihren oft liebevollen Schilderungen kleiner Details weil Fontaneden Unter­schied zwischen klein und groß nicht recht gelten ließ (an Emilie, 8. August 1883) ein Stück deutscher Geschichte des 19. Jahrhunderts, da Fontane das Geschehen um sich herum unvoreingenommen und offen, als Zeit-

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