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Deutsche Roman-Bibliothek.
gekommen, schob sein Essen unberührt zur Seite und brütete vor sich hin. Plötzlich schrak er zusammen und stierte unverwandt in jene Ecke am Ofen. ,Nimm sie hmweg, Klara!' schrie er aus und schüttelte sich vor Angst. Er sah Schlangen, der Unglückliche! Ueberall sah er sie an jenem Abend. Ich mußte ihn zu Bett bringen, als ob er ein Kind wäre. Bis er einschlies, sah er sie fortwährend über die Bettdecke kriechen —"
„Genug; ich verstehe. Armes Mädchen! Du mußtest schaudernd erleben, was Du nicht hindern konntest. Jetzt aber ist's genug. Du wirst mit mir gehen, und wenn ich Dich auf meinen Armen davontragen sollte, Du und das Kind. Ob Dein Vater noch zu retten ist, ich weiß es nicht. Der Versuch muß jedenfalls gemacht werden. Hast Du ihm gesagt, daß Du mich erwartest?"
„Nein. Er würde sich nicht blicken lassen, wenn ich's gethan hätte."
„Du hast ihm auch nicht mitgetheilt, wie wir zu einander stehen?"
„Auch nicht. Ich war nicht berechtigt dazu. Und ich hätte damit eine gefährliche Verwirrung in unsere einfachen Verhältnisse hineingetragen. Es mußte nicht anders sein können, als es war, sonst wäre die Gegenwart doppelt schwer zu ertragen gewesen. So aber ist es leidlich gegangen." Sie lächelte schmerzlich.
„Leidlich, sagst Du? Das sehe ich, das höre ich! Laß Dich ansehen, Kind; Du hast einen herben Zug um die Mundwinkel bekommen, den ich an Dir nicht kenne. Das ist das Zeichen Derer, die lange allein kämpfen müssen. Umgang hast Du hier nicht gehabt; Du hast ihn nicht gesucht, bist zu stolz gewesen, ihn zu suchen. Nur schwache Seelen mögen gerne bemitleidet werden —"
„Vat^r kommt!" unterbrach Klara. „Sein Schritt ist leicht Gott sei Dank!"
Auch Arthur hörte jetzt Tritte auf der knarrenden Stiege. Die äußere Thür wurde geöffnet, ein Schirm oder Stock in den Ständer gestoßen, daß das Eisen dröhnte. Gleich daraus erschien Gustav Holder in der Zimmerthür. Eine eigenthümliche Erscheinung, nicht leicht zu vergessen, wenn man sie einmal gesehen hatte. Ueber breiten Schultern erhob sich aus kurzem Halse ein eckiger Kopf, mit struppigen Haaren bedeckt. Merkwürdig an diesen Haaren war, daß in ihrem fast glänzenden Schwarz eine Anzahl von weißen Flecken verstreut lag, als wenn in einem mit dunklen Binsenhalmen besetzten Felde einzelne Büschel Wollgras, dicht aneinander gedrängt, gleichsam leuchtend hervorstechen. Aehnlich gezeichnet war der Bart. Die braunen Augen mußten einst schön gewesen sein, jetzt lag ein bläulicher Nebel darüber. Um die untersetzte Gestalt hingen schlotternd modische Kleider, der Anzug grau mit rothen und blauen Punkten von stutzerhaftem Schnitt. Nichts an dieser Figur saß, wie es sollte; der Kragen des Hemdes wollte weder recht stehen noch fallen; der Knoten des Halstuches war zur Seite verzogen.
Erst bei dem zweiten, dritten Schritt in's Zimmer gewahrte Holder den Fremden. Er blieb stehen und griff nach der Lehne eines nahestehenden Stuhls.
„Es ist Herr Ueberweg, Vater," sagte Klara.
Holder richtete einen starren, feindseligen Blick auf Arthur. „Mir ist von diesem Hanse noch nichts Gutes gekommen," sagte er vor sich hin. „Der Besuch gilt Dir, Klara; ich will nicht stören." Schwerfällig wandte er sich um, der Thüre zu.
„Ich bringe Frieden, Herr Holder," redete Arthur ihn an. „Das Vergangene braucht zwischen uns nicht erörtert zu werden."
„Braucht nicht!" fuhr Holder auf und kehrte sich heftig wider den Friedensboten. „Das sagen Sie. Ich glaub's wohl; Ihnen kann's schon recht sein, wenn der Nimbus Ihrer Familie unangefochten bleibt. Soll's aber einmal zur Aussprache kommen, so laß ich mir den Mund nicht verbinden. Meinen Sie, ich hätte Furcht? Ich? Was Sie sind, könnt' ich heute auch sein und Besseres, wenn ich niemals Jemand von Ihrer Familie kennen gelernt hätte."
Er setzte sich trotzig nieder und verschränkte die Arme.
„Aber, Vater, mäßige Dich!" mahnte Klara.
„Ich will nicht!" eutgegnete Holder. „Auf welcher Seite Du stehst, weiß ich längst. Man hat Dich erkauft. Natürlich: dort die Minen von Gol- conda, hier eine armselige Bleiader — da ist die Wahl nicht schwer."
„Mir dieß, Vater!" Sie barg das Gesicht in den Händen.
„Kannst Du uns eine Weile allein lassen, Klara?" fragte Arthur.
Schweigend stand Klara aus. „Nimm die Proletarierbrut mit!" sagte Holder, auf die Wiege deutend. Klara gehorchte. Das Kind, durch das laute Gespräch bereits im Schlafe gestört, erwachte, als es emporgehoben wurde, und sing an zu schreien.
Holder warf einen unruhigen Blick hinüber. „Das letzte Geschenk einer grausamen Vorsehung!" murmelte er. „Es ist an die falsche Adresse ge- rathen. Was soll daraus werden? Der Knabe hat die Savohardenaugen seiner Mutter. Man kann ihm später ein. Murmelthier kaufen, ein paar Chansons beibringen und ihn anweisen, die Gutmüthigkeit der Arbeiterfrauen auszubeuten. Vielleicht treibt ihn die Strömung nach oben; dann endet er als Besitzer eines Wachsfigurenkabinets oder eines Puppentheaters. Oder, und dieß ist das Wahrscheinlichere, er unterliegt im Kampf mit der Polizei und wird so lange umhergeschoben, bis ihn einmal im Winter Nachts aus der Landstraße die Kälte beschleicht und sein dünnes Blut langsam auf den Gefrierpunkt hinabdrückt."
Aufspringend, ballte Holder die Fäuste und raunte im Zimmer umher.
Er und Arthur waren allein. „Ich weiß nicht, was ich von Ihnen denken soll, unglücklicher Mann!" nahm Letzterer das Wort. Holder stand still und wollte aufbrauseu. „Ihr Betragen empört mich," fuhr Arthur ruhig fort und sah ihn fest an, „und doch kann ich mich des Mitleids nicht erwehren. Ich sei gekommen, Frieden zu bringen, sagte ich vorhin. Lange genug hat die Familientragödie gespielt, in welcher wir Beide agireu. Es muß derselben ein Ende gemacht werden, und Zwar jetzt, oder — hören