Ziele des Lebens von W. Serger.
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Sie mich an, Holder: Klara hat eingewilligt, mein Weib zu werden —
Weiter kam er nicht; Holder trat rasch auf ihn zn und faßte mit zitternden Händen nach seinem Arm. „Noch einmal — sagen Sie das noch einmal!" brachte er mühsam hervor.
„Von Klara, Ihrer Tochter Klara, ist die Rede," wiederholte Arthur langsam und versuchte, des Andern irren Blick zu bannen. „Sie wird meine Hausfrau. Das Kind, Ihr Kind, bringt sie mir zu; wir wollen ihm, so viel wir können, den Weg durch's Leben ebnen."
„Alles verläßt mich!" jammerte Holder, plötzlich in eine weinerliche Stimmung fallend. „Ich werde geflohen, als ob ich die Pest hätte. Man läßt den Kranken weiterkriechen und wünscht ihm ein baldiges Ende. O, es geschieht mir schon Recht! Ich habe nichts für meine alten Tage vorbereitet; in keines Menschen Herzen habe ich mir einen Sparpfennig angesammelt, der mir einmal zugute kommen könnte! Arm bin ich, ärmer als der ärmste Bettler, der doch noch einen Kameraden in Lumpen findet, welcher ihn nicht verachtet!"
Er warf sich auf einen Stuhl wie gebrochen; doch entging es Arthur nicht, daß er bei dieser scheinbar unwillkürlichen Handlung eine theatralische Attitüde anzunehmen bemüht war. Es kostete Arthur einige Ueberwindnng, dem kokett Verzweifelnden die Aussicht auf eine bessere Zukunft zu eröffnen. „Es ist nicht unsere Meinung," sagte er, „Sie einen Kampf weiterführen zn lassen, dem Sie nicht gewachsen sind. Sie hatten einst Ehrgeiz, künstlerischen Ehrgeiz. Sie haben Ihr Talent den Anforderungen des Lebens dienstbar machen müssen. Wohlan, Sie sollen von jetzt an Ihrem Genius folgen dürfen. Wir wollen die irdische Noth in jeglicher Form von Ihnen fern halten. Sie ziehen mit uns; ein Atelier, wie Sie es wünschen, soll für Sie hergestellt werden. Zeigen Sie der Welt, was in Ihnen ist! Noch ist es nicht zu spät. In Leiden sind Sie gereift, durch mannigfaltige Erfahrung hat sich Ihr Blick geschärft, Ihr Gesichtskreis erweitert. Was Sie an technischem Können eingebüßt haben mögen, werden Sie sich in kurzer Zeit wieder aneignen. Kurz, ich hege die Zuversicht, daß Sie noch lange schaffen werden, sich selbst und auch Anderen zur Freude."
Mit wachsendem Erstaunen hatte Holder den freundlichen Worten Arthur's zngehört. Er hatte sich aufgerichtet und saß kerzengerade, die Augen mit zweifelndem Ausdruck aus des Redenden Lippen gerichtet. Jetzt sagte er, stammelnd vor innerer Bewegung: „Nein, zu spät ist's nicht, soll's nicht sein. Alt war ich noch vor wenigen Minuten, ohne Hoffnung, ohne Lebensmuth. Ich bin's nicht mehr. Ob ich noch malen, mich noch an hohe Aufgaben wagen kann? Ich glaub' es. In guten Stunden schweben mir tausend Bilder vor; jedes rnst mir zu: male mich! Unendlich ist der Stoff, schwierig nur die Auswahl — frei soll ich sein, entlastet von aller Sorge — als neuer Mensch in ein neues Leben gehen — kaum kann ich's fassen —"
Er sprang auf, ging zum Fenster, stieß beide Flügel auf und athmete hastig die kühle Abeudluft
ein. „Hinaus aus dieser Enge!" rief er. „O Gott, bis zu euch darf ich, kann ich wieder schweifen, Sterne meiner Jugend! Licht und Farben, Schönheit und Anmuth winken mir wieder!" Plötzlich schauerte er Zusammen. „Und wenn es nun nichts wäre! Ein Traum wie die vielen, die mich narren! Mir ist, als sei ich eingemanert gewesen in den Katakomben, jahrelang. Dem Dunkel, der fauligen Luft hatte ich mich akkommodirt wie ein Molch, der in eine unterirdische Grotte gerathen ist. Auf einmal zeigt sich mir ein Ausgang nach oben; warmes, goldiges Sonnenlicht flutet herein zu mir; wonnige Düfte wecken die Sehnsucht nach blumigen Auen, Spielplätzen der Unschuld — aber wehe! Ich will hinaus und kann nicht; ich habe den Gebrauch meiner Glieder verlernt — bleiben muß ich, wo ich bin — verloren, unrettbar verloren!"
Arthur fühlte Erbarmen mit dem Manne, der von den widerstreitendstcn Empfindungen hin und her gerissen wurde; er trat neben ihn und redete ihm mit milden Worten zn.
„Es ist wahr, ich bin ein Thor, zn zweifeln,"
sagte Holder endlich und schloß das Fenster. „Seh'
ich Sie doch vor mir, leiblich, handgreiflich! Ich habe Sie verkannt, Ueberweg. Nein, das ist das richtige Wort nicht. Der Wahrheit die Ehre, einmal für allemal. Ich bin ein Lump gewesen. Nicht
immer. Frei und offen kann ich vor die meisten
Menschen hintreten. Aber nicht vor euch; euch gegenüber Hab' ich ein schlechtes Gewissen. Wie ein böser Geist bin ich in eure Familie hineingefahren — mein armes Weib: besser wär's, sie hätte mich nie gesehen — mein Kind habe ich verwahrlost — versteckt, verborgen Hab' ich's vor Ihrem Vater, damit er nicht aussände, was ich an dem lieben Geschöpfe gesündigt hatte — trotzig war ich aus Furcht, eigensinnig aus Scham — aber wo ist sie, wo ist Klara? Alles ist ja gut jetzt; sie muß kommen — wie vergeßlich ich bin — sie ist ja Braut; ich muß das wackere Kind umarmen —"
Erregt lief er zur Thüre und rief ungeduldig ihren Namen hinaus. „Ich komme!" kam's zurück. Gleich darauf stellte sich Klara ein, den wachenden Kleinen auf dem Arm. Noch drückten ihre Züge Zweifel und Sorge aus; doch trat es wie Sonnenschein in ihre Augen, als sie des Vaters Gebühren sah. Er küßte sie, er küßte den Knaben; dann wandte er sich zu Arthur. „Hier meine Hand," sagte er. „Mehr haben Sie gebracht als Frieden. Dank Ihnen, tausend Dank! Der Alp ist von meiner Brust; noch ist sie wund von dem langen Druck; aber sie wird heilen, bald heilen in dem Bade der Freude!" Nun eilte er wieder zu Klara, die von der plötzlichen Wendung wie gelähmt war, und drängte sie auf den Eckplatz im Sopha.
„Das ist ein Abend!" rief er. „Ich bin wie im Fieber. Habt Geduld mit mir! Wie ist's, Klara; hast Du nicht noch irgendwo eine Flasche Wein versteckt? O, sei unbesorgt; ich werde mäßig sein; ich habe nicht mehr nöthig, vor mir selbst zu fliehen. Gib mir den Kleinen; ich Hab' ihn lange nicht anfassen mögen; jetzt darf ich's wieder — sehen Sie, Ueberweg, hat er nicht Savoyardenaugen? Groß