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Deutsche Noinan-Oibliothek.
und sinnend wie der Knabe aus dem bekannten Bilde? Was sag' ich! Maleraugen sind's, Sammelspiegel für das Schöne! Kein Zweifel, Maler muß er werden. O, er wird nicht so weit fallen wie sein Vater; er wird nicht solche nichtswürdige Bildchen zu erfinden haben, wie sie dort die Wand verunzieren ! Blicken Sie nur einmal genauer auf meines Geistes und meiner Hände Arbeit, Ueberweg! Da schickt mir der Verleger eine Zeile aus einem Roman, lautend: ,Der Barouet beugte sich schweigend aus die lilienweiße Hand der Marquise? Daraus ist der Holzschnitt links oben entstanden. Ein andermal: ,Der Prinz feuerte sein Pistol in die Luft und stand, der Kugel seines Gegners gewärtig? Die Illustration hiezu finden Sie gleich rechts darunter. Recht hübsch, nicht wahr? Das Blatt kostet zehn Pfennig pro Nummer, glaub' ich. Es sind noch mehr solche Genies daran thätig wie ich. Und doch war ich glücklich, war ich stolz, als ich den ersten Auftrag empfing. Ein gebückter Barouet und ein schießender Prinz waren immerhin höhere Aufgaben als Muster zu Tapeten, Stickereien und Möbelüberzügen!"
Klara kam Zurück mit Wein und Gläsern; auch für den Kleinen brachte sie die Milchstasche. „Die Amme vom Lande scheint verabschiedet zu sein," bemerkte Arthur.
Holder hatte sein Glas auf einen Zug geleert. „Anastasia!" lachte er. „O, das war ein holdes Wesen! Alles ging ihr unter den Händen entzwei und Nachts schlief sie wie ein Meerschweinchen, so fest. Wenn ich sie ausschickte, verlief sie sich. Und einen Appetit hatte sie, gewaltig wie Simson und absonderlich wie der Schah von Persien. Ihre Lieblingsspeise waren Salzgurken. Als Klara kam, räumten wir sie hinweg. Ich steckte ihr ein Schild mit ihrem Bestimmungsort an den Hut, brachte sie zum Bahnhof und drohte ihr mit zehn Jahren Fegefeuer, wenn sie ihr Billet verlöre. Ob sie angekommeu ist, haben wir nie erfahren."
In diesem Ton fuhr Holder fort zu plaudern. Vom Hundertsten in's Tausendste gerieth er, niemals verlegen um einen drastischen Vergleich, um ein charakteristisches Beiwort. Es ist wahr, sein Humor hatte etwas Forcirtes. Es war nicht der Quell, der lustig sprudelnd zu Tage tritt und unerschöpflich scheint; es war der Strahl aus einem Pumpwerk, ruckweise fließend, bei dem man die Empfindung hat, das Reservoir könne im nächsten Augenblick leer sein oder die treibende Kraft versagen. Trotz der rosigen Stimmung, die in dem kleinen Kreise zu herrschen schien — Paul war in der Sophaecke eingeschlafen — sah Arthur doch mit leichtem Bangen in die Zukunft. Wenn sich nun herausstellte, daß Holder aus freien Stücken gar nichts zu leisten im Staude war? Wenn es sich herausstellte, daß er der Drängerin, der Noth, bedurfte, um irgend etwas zu leisten? Wie, wenn er schließlich selbst zu dieser Erkenntnis; kam, was nicht ausbleiben konnte?
Auch genoß der erregte Mann von dem aufgesetzten Weine reichlicher, als ihm gut sein konnte. Er war eben ein Kind des Augenblicks und würde dieß vermuthlich bleiben. Einmal über das andere versicherte er mit strahlenden Zügen, dieß sei der
glücklichste Tag seines Lebens. In poetischen Bildern ließ er sich darüber aus. Seine Sonne sei endlich, wenn auch erst im Niedergeheu, aus den Wolken hervorgetreten. Die Konstellation der Gestirne deute auf einen heiteren Abend für ihn, auf eine späte Dämmerung. Nun wolle er sich dieses unerwarteten Geschenkes der Vorsehung im Kreise der Seinigeu freuen. Dann schweifte er ab Zu dein Atelier, das ihm versprochen worden war. Im Geiste dekorirte er es mit Draperieen von Plüsch, Sammet, Brokat und Atlaß; er schmückte es mit alterthümlicheu Waffen und Geräthen, mit Gypsabgüssen von Büsten und Statuen — dann erzählte er eine Anekdote von Makart, kritisirte ein Bild von Kaulbach und schloß unvermittelt mit einer indiskreten Nemiuiscenz aus seinem Leben mit Leontine.
Es war spät, als Arthur sich verabschiedete. Morgen werde er sich zeitig wieder eiustelleu, versprach er, damit das Nöthige über den Umzug verabredet werde.
Klara gab ihm das Geleit bis auf den Außeuflur der Etage. Als er ihr „Gute Nacht" auf die Lippen küßte, schmiegte sie sich dicht an ihn. „Recht thöricht bin ich," sagte sie leise, „aber ich kann mir nicht helfen: ein Gefühl der Augst ist in mir, das ich nie gekannt habe. Jetzt, gerade jetzt, wo sich Alles zum Guten wenden will! Worauf kann ich's nur deuten?"
„Bemühe Dich nicht um die Deutung, Klara," erwiederte Arthur. „Manchmal, wenn wir die Hoffnung auf den Lippen tragen, ist die Furcht im Herzen. Möge die Zukunft erfüllen, was wir wünschen!"
Zwölftes Kapitel.
Gebunden und frei.
Noch nicht lange war Arthur am nächsten Morgen ausgestanden, als eine Botin von Klara bei ihm im Hotel erschien. Das Fräulein lasse ihn bitten, unverzüglich zu ihr zu kommen, bestellte sie. Arthur verlangte Zu wissen, was geschehen sei. Es sei wegen des Herrn, antwortete die Alte; weiter wisse sie nichts.
In Eile machte Arthur den Weg Zu Holder's nahe liegender Wohnung. „Vater und ich saßen gestern Abend noch ein halbes Stündchen zusammen," berichtete Klara. „ Er war weich und zärtlich. Mancherlei redete er von vergangenen Zeiten, zusammenhängender, als dieß sonst seine Weise ist. Dann schickte er mich zu Bett; er selbst verspüre noch keine Müdigkeit; er wolle noch eine Weile rauchend fitzen und sich mit seinen künftigen Bildern beschäftigen. So verließ ich ihn, allem Anschein nach heiter und guter Gedanken voll. Ich konnte nicht einschlafen; ich hörte Vater hin und her gehen, ohne Unterbrechung, ich weiß nicht, wie lange. Endlich ging die Thüre; aber anstatt sein Schlafzimmer aufzusuchen, verließ er die Wohnung. In der Stille der Nacht hörte ich das Geräusch seiner Tritte trepp- abwärts sich allmälig verlieren. Nun sind freilich nächtliche Spaziergänge nichts Ungewöhnliches bei ihm. Er litt zuweilen Nachts an einer fieberhaften Unruhe, die ihn aus dem Bett und stundenlang auf den Straßen umyertrieb. Daun aber kam er gegen Morgen erschöpft zurück, warf sich nieder und holte