Ziele des Lebens von
Serger.
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den versäumten Schlaf nach. Heute habe ich ihn vergebens erwartet. Es ist ja möglich, daß meine Besorgniß um ihn unbegründet ist. Die Aussicht in das neue Leben, das vor ihm liegt, mag ihn Zu Extravaganzen verleitet haben, von denen er anderswo sich erholt. Doch ist das bange Gefühl, das ich schon gestern Abend hatte, fortwährend gewachsen; augenblicklich schnürt es mir fast die Brust zu. Ihn zu finden, wird schwer sein, ich weiß es; dennoch wird es mich etwas beruhigen, wenn Jemand unterwegs ist, ihn zu suchen. Willst Du's unternehmen, Arthur, aus gut Glück?"
Arthur ließ sich die Adresse des Blattes geben, für welches Holder arbeitete. Er fragte Klara nach den öffentlichen Lokalen, in welchen ihr Vater zu verkehren Pflege; aber darüber konnte sie ihm keine Auskunft geben. So begab er sich denn, ohne jede Hoffnung auf Erfolg, in einer Droschke auf die Suche. In der Redaktion des Blattes wußte man nichts von Holder; schon feit mehreren Tagen hatte er sich dort nicht blicken lassen, obgleich die Ablieferung einiger Zeichnungen auf vorgestern fest von ihm versprochen worden war. Wohin nun? Kurz entschlossen, ließ Arthur sich zum Centralbureau der Polizei fahren. Es war doch möglich, daß eine der Extravaganzen, von denen Klara gesprochen, den Verschwundenen in die Hände der Nachtwächter geliefert hatte und daß er jetzt in einem der Stadtgefängnisse auf Aburteilung wartete.
Man suchte indeß vergebens in den Rapporten. Der Vermißte möge sich einen falschen Namen beigelegt haben, wurde insinuirt. Man rieth Arthur, sich zum Molkenmarkt zu begeben, wo er die Vorführung der Excedenten von der vergangenen Nacht her abwarten könne. Schon schickte sich Arthur zum Gehen au, um diesen Rath zu befolgen, als ein soeben eingetretener Schutzmann ihn aufhielt und ihn um die Personalbeschreibung des Gesuchten bat. Dieselbe war leicht zu geben; die eigenthümliche schwarzweiße Färbung des Haares gab ein besonderes Kennzeichen ab, wie es nicht besser zu wünschen war.
Der Schutzmann hörte Arthur an und nickte. „Stimmt," sagte er trocken. „Soeben eingebracht!"
„Das nenne ich Glück!" rief Arthur erleichtert. „Ich kann ihn doch auslösen? Ich stelle jede Kaution."
Der Schutzmann sah ihn von der Seite mit einem sonderbaren Blick an. „Verwandter von Ihnen?" fragte er.
„Allerdings — das heißt —" Arthur stockte; am liebsten hätte er die Verwandtschaft verleugnet.
Der Beamte errieth seine Gedanken. „Nu," sagte er gutmüthig, „ein räudiges Schaf geräth mitunter in die beste Heerde. Wir kennen das. Dieser aber wird Niemand mehr anstecken. Gott Hab' ihn selig; er ist todt, maufetodt; sie haben ihn früh Morgens aus der Spree gezogen."
Diese jähe Mittheilung machte Arthur doch zusammenfahren.
„Aber sicher ist sicher," fuhr Jener fort. „Es könnte noch ein Anderer mit eben solchen Haaren diese Nacht auf den Gedanken gekommen sein, seine Verwandtschaft plötzlich in Trauer zu versetzen. Jden-
tifiziren wir ihn. Er liegt nickt weit von hier. Wenn Alles in Ordnung ist, können Sie ihn ausgeliefert erhalten."
Unwillkürlich machte Arthur eine abwehrende Bewegung.
„O, Sie brauchen ihn nicht in's Haus zu nehmen, wenn er's auch ist," beruhigte ihn der Schutzmann. „Es kann Alles gemacht werden, wie Sie es wünschen. Ein Testament hat er nicht bei sich . gehabt. Wenn es Ihnen also gefällig ist
Arthur nahm sich zusammen und überließ sich der Führung des gemüthlichen Mannes. Eine Stunde später traf er wieder bei Klara ein. „Ich vermuthe das Schlimmste!" rief sie ihm entgegen. „Hier ist ein Brief, ein schrecklicher Brief von ihm — Du bringst mehr, Du bringst Gewisses; ich seh' es Dir an! Arthur, ich bin gefaßt, auf Alles gefaßt. Nur ein Wort! Ist er —"
„Du hast nur noch für mich zu sorgen, und wir Beide für das Kind."
Thräneulos stand Klara. „Zum Unheil ist ihm ausgeschlagen, was ihm Segen bringen sollte," sagte sie endlich. „Diese seltsame Epistel, die vor einer halben Stunde der Briefträger gebracht hat, enthält die Erklärung. Lies sie mir noch einmal vor; in meiner Hast, zum Ende zu kommen, mag ich über Manches hinweggelesen haben. Sieh' den großen, groben Vogen — Papier aus uralten Zeiten — die blasse Tinte, die dicken Schriftzüge, wie mit einer ausgeschriebenen Stahlfeder gemalt! Unordentlich gefalzt, mit einer verbogenen Stecknadel geschloffen — wo mag dieser Brief nur geschrieben worden sein?"
Arthur nahm das wenig saubere Schriftstück. „Vermuthlich in einer jener Höhlen," antwortete er, „in denen während der Nacht verdächtiges Gesindel verkehrt. Er wird kein anderes Lokal offen gesunden haben, als er das Bedürfniß fühlte, den beabsichtigten Schritt zu erklären, zu rechtfertigen. Unfrankirt! In solchen Schenken führt man keine Briefmarken."
Er las: „Ob es mir gelingen wird, euch deutlich Zu machen, was ich zu sagen habe, weiß ich nicht. Es wird mir schwer, meine Gedanken zusammenzuhalten; ich bin froh, daß ich's bald nicht mehr nöthig habe. Selbsterkenntniß mag eine schöne Sache sein; ich aber kann's nicht finden. Wohler war mir, so lange ich glaubte, ich sei ein unterdrücktes Genie; so lange ich auf die Verhältnisse schimpfen durfte, die mir nicht erlaubten, etwas Erfreuliches zu leisten. Jetzt weiß ich's besser: ich würde niemals mehr geworden sein als ein erbärmlicher Pfuscher, und wenn die Engel vom Himmel gekommen wären und hätten mir die Farben gerieben. Ein elender Prahler bin ich gewesen zeitlebens, eitel genug, um mich selbst zu belügen, thöricht genug, um mir selbst Zu glauben. Ein geheimer Trost, eine stille Stärkung in meinem Wahn war mir's, daß Du, Klara, den Glauben an meinen innern Beruf Zum Künstler theiltest. Jetzt weiß ich's besser. Narr, der ich war! Du hast mich nicht anders gesehen, als wie ich bin; Du hast mich geschont, mitleidig geschont, mich in meiner fixen Idee belassen, damit ich nicht noch den kleinen Rest von Selbstachtung verlöre, der mir geblieben war. Ueberweg's Anerbieten hat mir die Angen geöffnet»