Heft 
(1885) 52
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Deutsche Noman-Bibtiothek.

Nicht sogleich, wie ihr wißt. Zuerst dacht' ich, es könnte Alles so werden, wie er mir ansmalte, ich unsterbliche Werke schaffend, irdischen Sorgen ent­hoben; ihr um mich, glücklich und theilnehmend an meinen Erfolgen. Allmälig aber, als ich allein war, kam's über mich. Höhnende Stimmen riefen mich an aus der Tiefe meiner eigenen Seele: ,Unsterbliche Werke! Ein Lump wie du! Woher sollte aus dir Großes kommend Zur Nachahmung reicht dein dilet­tantisches Talent; die selbstthätige Äder des Schaffens aber fehlt dir., Du gehörst zu Denen, die ewig un­fruchtbar sind? Die Stimmen mehrten sich; von allen Seiten keiften sie auf mich ein; in den Ecken der Stube bildete sich vor meinen Augen grinsendes Gewürm da rannte ich hinaus in's Freie. Ruhe aber hatt' ich auch dort nicht. Nur die Erscheinungen veränderten sich. Wohin ich blickte, traten sie mir entgegen, die Bilder der großen Meister. Die Wände der Häuser waren damit überkleidet, der Himmel war mit Fresken überspannt, vor meinen Füßen deckten gigantische Gemälde die Straße. ,Dn Wurm/ donnerte es mir aus den Lüften entgegen, ,zu Den­jenigen willst du dich gesellen, die dieß Alles ge­schaffen habend Unauslöschliches Gelächter wird dich in den goldenen Hallen empfangen, Gelächter über die freche Anmaßung des Bettlers. Hast du je den Weg zur Unsterblichkeit zu betreten versucht d Hast du gehungert und gedurstet um der Kunst willen? Hast du gerungen um Offenbarung? Wo sind deine Werke?' Meine Werke! Ich sah sie vor mir: ein paar stümperhafte Jugendarbeiten, Hunderte von bunten Schablonenmustern, eine Menge von Zeich­nungen, an denen die Qual der Arbeit klebte. Da erkannte ich mich selbst und verachtete mich gründ­lich. Keine Illusion ist mir geblieben; nackt und bloß, wie ich bin, ekle ich mich vor mir selbst. Fiasko Hab' ich gemacht mit Allem, was ich begann, in Kunst und Leben. Ich höre das Publikum zischen und pfeifen. Weiter treiben kann ich das Spiel nicht; die Scham lähmt mir alle Glieder. Abtreten muß ich von der Bühne. Begrabt mich in der Stille, an einem Ort, wo Niemand mich findet. Ich will vergessen sein, auch von euch. Paul braucht nichts von seinem Vater zu erfahren. Ich bitt' euch, ver­sucht nicht mehr aus ihm zu machen, als wirklich in ihm ist. Sollte er irgend ein Talent zeigen, so leitet ihn an zur unbarmherzigsten Selbstkritik. Vor allen Dingen aber stählt seinen Charakter und bringt das Gefühl für Ehre Zur Herrschaft in ihm, damit er zeitlebens aufrechten Hauptes einherwaudeln kann unter den Menschen. Ich bin fertig; ich kann nicht mehr; der Tag graut lebt wohl, lebt glücklich!"

Arthur faltete nachdenklich das Blatt zusammen und barg es in seiner Tasche.Ich glaube, er hat Recht gehabt," sagte er.Es ist besser für ihn, wie es ist. Aber vergessen wollen wir ihn nicht, wenn er auch nur ein schwaches, irrendes Menschen­kind war, das seiner göttlichen Abkunst uneingedenk geblieben ist, so lange es auf Erden wandelte. Was sind wir Anderen? Verborgene Kräfte ziehen uns hinab, hinauf, ohne daß wir's gewahr werden; erst wenn wir steigen, bemerken wir, wie tief wir gefallen waren. Wir wollen uns in der Höhe zu halten

suchen, Klara, gegenseitig, so lange wir miteinander leben, uns bilden und auf Andere wirken können; unten, in den Niederungen, ist das Leben elend und wüst. Leichter mag's uns werden als vielen Anderen, da uns die Sicherheit der Stellung, des Besitzes zu Hülfe kommt; niemals aber Hab' ich lebhafter em­pfunden als jetzt, daß der eigentliche Adel, der über alles Kleinliche, Verworrene und Gemeine emporhebt, nichts Aenßerliches, von Gunst und Schicksal zu Er­langendes ist, sondern mit heißer Mühe errungen, durch unablässiges Streben sestgehalten wird."

Klara sah ihn mit leuchtenden Augen au und reichte ihm die Hand. Er zog die Geliebte an sein Herz.

Nun erst die Meine," sagte er bewegt.Klara, bin ich Deiner Werth geworden? Kannst Du mich jetzt wieder abweisen, wenn ich Dich frage: willst Du mein Weib werden?"

Ich verginge, Arthur, wenn ich's nicht werden könnte," crwiederte Klara leise.

Er küßte ihr die Thränen der Glückseligkeit von den Augen und führte sie zu dem Knaben, der in der Wiege schlummerte.

Sieh'," wandte er sich lächelnd Zn ihr,mit Pflichten beginnen wir unfern Haushalt. Ich nehme den Kleinen von Dir als Brautgeschenk. Und das wilde Pflänzchen soll es gut haben bei uns; einen Stamm wollen wir daraus ziehen, der den Gärtnern Ehre macht!"

*

Auch heute noch trägt das Ueberweg'sche Haus an der Alexanderstraße dieselbe Front zur Schau, hinter welcher Konstantin lebte, arbeitete, litt und das Entsagen lernte. Innen aber ist's allmälig ein anderes geworden. Die junge Hausfrau hat sich's nicht nehmen lassen, unter dem Beirath ihres Gatten die Wohnräume nach ihrem Geschmack auszustatten. Mit seinem mannigfaltigen Schmuck ist es ein be­hagliches Heim. Wer darin eintritt, merkt sofort, daß hier ein Geist waltet, der sich dem Gewöhnlichen entfremdet hat, ein Geist, der nur an dem Besten Antheil nimmt, was die steigende Kultur zu Tage fördert. Und nicht Wenige sind es, denen dieses Heim sich gastlich öffnet. Freundlich willkommen ge­heißen werden sie Alle, die etwas zu geben haben, die in irgend einem Fache Tüchtiges leisten; auf­munternd geduldet werden die selbstlos Strebenden, Diejenigen, welche hungert und dürstet nach Licht, nach Erkenntniß, nach Labung aus dem Quell des Schönen. Ausgeschlossen bleiben die Einseitigen, die Beschränkten, die Unduldsamen, die Eingebildeten, die Herzlosen und Alle, die in ungemilderter Rohheit den Kultus des Flüchtigen und Nichtigen treiben.

Das Comptoir ist aus dem Hause nach einem andern Stadttheil verlegt worden. Herr Hermann Klaus braucht nicht zu befürchten, daß er seiner Prinzipalin allzu oft begegne. Freilich ist er jetzt verheirathet; aber man sagt, daß Frau Klaus ihre Schwiegermutter nur allzu gut zu nehmen weiß und der arme Hermann den Frauen gegenüber niemals Recht behält. Gewiß ist, daß er auf dem Comptoir sich wohler fühlt als zu Hause; er kommt früher und geht später hinweg als alle klebrigen. Wenn