Heft 
(1885) 52
Seite
1231
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Aus der neuen deutschen Lyrik.

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er Mamsell Doris einmal begegnet, plaudert er gerne mit ihr von alten Zeiten, und wie Alles doch so überraschend und wunderbar gekommen sei, so ganz anders, wie sie Beide sich's früher gedacht hätten. Mamsell Doris aber ist recht wohl zufrieden mit der Gestaltung der Dinge; sie darf sich in dem neuen Haus­halt die wohlverdiente Ruhe gönnen; Frau Klara aber wird von ihr verehrt wie ein höheres Wesen.

Der Kosmos besteht noch und versammelt sich nach wie vor an jedem Samstag Abend. Doch nicht mehr in dem alten, dürftigen Lokale. Arthur hat der Gesellschaft ein Vereinshaus bauen lassen, in dessen oberen Räumen Sondermann wohnt und dort unverdrossen seine Beobachtungen des Gestaltenwechsels der niederen Thiere sortsetzt, obgleich seine Augen schwach werden und das Gedächtniß ihm Zuweilen versagt.

Es war ein freudiger Tag für Arthur, der Tag, an welchem er, nach Vollendung des Hauses, die Schenkungsurkunde in die Hände des Präsidenten legte. Alle waren sie um ihn versammelt, die Freunde, die er sich erworben und die er sich zu erhalten hoffen durste, da er mit ihnen durch gleiches Streben, gleiche Gesinnungen verbunden war.

Ich habe einsehen gelernt," sagte er am Schluffe seiner Rede,daß aller Fortschritt von Denjenigen ansgeht, die Ideale haben, Ideale für sich, Ideale für die Gestaltung des Staates und der Gesellschaft. Die Wissenschaft, insofern sie lediglich die Wahrheit finden will; die Kunst, insofern sie der Schönheit dient, sind die Träger der Kultur. Ihnen habe ich in diesem Hause ein Asyl bereiten wollen.

Verschieden sind die Ziele des Lebens; würdig, erstrebt zu werden, sind nur solche, die jenseits des Grabes liegen. Und nur Derjenige kann hoffen, sein kleines Dasein aus der dumpfen Enge seiner be­schränkten Persönlichkeit emporzuheben in die befreiende Weite des Kosmos, des unbegrenzten Alls, welcher, mit gebändigtem Egoismus, sein Ziel an die Sterne rückt und sich Denen Zugesellt, die in der Zeit keiner Zeit Sklaven sind, die den kleinsten weiteren Schritt zur Lösung irgend eines der vielen Näthsel des Lebens freudig begrüßen, an die Entwicklungsfähigkeit un­seres Geschlechts zu heute noch ungeahnter Voll­kommenheit felsenfest glauben und für die Leiden und Freuden des Erdenlebens ein fühlendes Herz, einen empfänglichen Sinn sich unerschütterlich be­wahren."

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Aus der neuen deutschen §yrik.

Edelweiß.

von

Gotthold Krehenberg.

(Ungedruckt.)

viel Blümlcin weiß Sind leichter Preis, weil sie im Garten stehen;

Doch Edelweiß will edlen Schweiß,

Drum wächst es ans den Höhen!

Znm ew'gen Firn Mit feuchter Stirn,

Um's Edelweiß zu klimmen,

G, wag' es kühn! wo Gletscher glüh'n,

Hörst du auch Engelsstimmen!

Wer leicht entzückt Sich Blumen pflückt,

Die dicht am Wege blühen, wem Arbeit Frohn,

Der höchste Lohn

Lin Leben sonder Mühen,-

Der nippt im Traum Des Lebens Schaum,

Schmeckt nicht die Flut des Lebens! wer ringt und strebt,

So lang er lebt,

Der lebt und nicht vergebens!

Ich wollte ein Zigeuner.....

von

Egon Rail.

Ich wollte ein Zigeuner,

Lin wahrsagender sein,

Daß deine Hand von meiner Gehalten dürste sein;

Ihr bläuliches Geäder Durchforschte dann mein Blick, Mb nicht des Schicksals Feder Verzeichnet drin mein Glück.

Blick und Wort.

von

Demselben.

Von einem Auge ausgegangen, von dem andern ausgesangen,

Und dabei recht kurz der Steg:

Eines Blickes schönster weg!

Aus einem Herzen tief entrungen,

In ein andres tief gedrungen, wo's auf guten Boden fiel:

Lines Wortes schönstes Ziel!

(Aus:Gedichte". Leipzig und Spandau, Hermann Gesterwitz.)